"Wir wollen leben, so wie wir wollen!"

Reportage4. Juni 2013, 18:07
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Im Istanbuler Stadtteil Besiktas sind die nächtlichen Straßenschlachten mit der Polizei Routine geworden. Alles spitzt sich auf den türkischen Premier zu. Die Menge will Erdogans Rücktritt.

Das Fährschiff hat schon Verspätung, und als es endlich vor den Fenstern des Hafenhauses in Kadiköy, auf der asiatischen Seite von Istanbul, auftaucht, klatscht die Menge und johlt. 500 aufgeregte Gesichter, vom Rucksack baumelt der weiße Mundschutz. Zum Teetrinken und Flanieren wollen sie nicht nach Besiktas, auf die europäische Seite. "Tayyip Rücktritt!", skandieren sie.

Mit halber Kraft über den Bosporus

Die Fähre mit den streitwütigen Passagieren fährt allenfalls mit halber Kraft über den Bosporus. Es sind die Behörden, die das Schiff lenken, scheinbar unschlüssig, ob sie den Auftrag zum öffentlichen Transport erfüllen sollen oder die jugendlichen Protestierer besser an einer abgelegeneren Stelle in Istanbul absetzen. Mitten hinein in die Krawallzone soll es aber gehen, zum nächtlichen Kampf mit der Polizei in Besiktas. Als rechter Hand der Dolmabahçe-Palast auftaucht und die blauen Lichter der Polizeibusse, drängen alle zu den Fenstern. Man diskutiert die Ausgangslage an diesem Abend. "Pass auf dich auf", sagt jemand. Dann rollt die Streitmacht von Bord, viele Studenten, junge Pärchen, aber auch Mütter, die ihre erwachsenen Töchter und Söhne begleiten, um am Sessel von Tayyip Erdogan zu rütteln, dem türkischen Premier.

Fertigmachen für Krawallnacht

Draußen auf der Anlegestelle stehen Polizisten in Jeans und T-Shirt und mustern die Ankömmlinge. Niemand wird beiseite genommen. Am Ausgang haben Händler ihr Angebot ausgebreitet: Mundschutzmasken zu vier Lira und Zitronen, gut gegen Pfefferspray, fertig aufgeschnitten zu einer Lira das Stück, umgerechnet nur noch 40 Cent, denn eine Woche Massenprotest im Land hat die Währung unter Druck gebracht.

An der großen Kreuzung von Besiktas, wo sich normalerweise der Verkehr von Istanbul durchwälzt, vom Zentrum hinaus in die teuren Viertel Richtung Schwarzes Meer, oder über die Bosporusbrücken nach Asien, machen sich die Polizisten für die neue Krawallnacht fertig. Ein gepanzerter Wasserwerfer mit zwei rechteckigen Augen steht am Beginn des Barbaros-Boulevards und ihm gegenüber eine Menschenmenge von mehreren Tausend, bereit mit Schutzmasken und Halstüchern. Man wartet auf den ersten Stein, der geworfen wird, den ersten Strahl aus dem Panzerwagen.

Die Erdogan-Gegner stimmen den Freiheitsmarsch an, die türkische Nationalhymne. "Wir sind Mustafa Kemals Soldaten", skandieren sie und wieder "Tayyip Rücktritt". Es ist die alte Schlachtordnung der Türkei: die Säkularen, die am Republikgründer Kemal Atatürk festhalten, gegen die konservativen Religiösen der AKP von Tayyip Erdogan. Und dann doch wieder nicht.

Sie kennen nur Erdogan

Die meisten Protestierenden sind kaum über 20. Sie sind mit Erdogan groß geworden. An eine andere politische Zeit können sich nicht wirklich erinnern. "Wir wollen leben, so wie wir es wollen", sagt eine Studentin, die den anschwellenden Kampfgesang auf dem Barbaros-Boulevard aus sicherer Entfernung beobachtet. "Sie haben das Recht zu demonstrieren", pflichtet ihr die Mutter bei. Sie trägt als Einzige im Umkreis das muslimische Kopftuch.

Ein anderer Teil der Protestierenden steht in den Gassen des Basars von Besiktas bereit. Die meisten Geschäfte haben ihre Rollläden heruntergelassen. 70 Millionen Lira betrage der finanzielle Schaden durch die Protestbewegung, erklärt Vizepremier Bülent Arinç, der nun die Regierungsgeschäfte führt, bis Erdogan später diese Woche von einer Auslandsreise zurückkommt. Vor allem in Istanbul, wo sonst rund um die Uhr eingekauft, gegessen und gefahren wird, nimmt sich die Ruhe in den Protestvierteln unwirklich aus.

Halay wird getanzt

Der erste Stein ist bereits anderswo geworfen worden, weiter oben in Gümüssuyu, auf dem Weg zum Taksim-Platz. Schwere Polizeibusse sperren die Straßen auf dem Hügel ab. Dumpf hallen die Gasgranaten, die auf die Steinewerfer abgefeuert werden. "Ihr kriegt euer Fett noch ab", zischt ein Polizist eine junge Frau an und schickt einen vulgären Fluch nach. Die Nacht beginnt erst.

Tränengasschwaden ziehen von Gümüssuyu hinunter zum Dolmabahçe-Palast. Noch hält die Maske das beißende Gas fern. An der Mauer der Dolmabahçe- Moschee übergibt sich ein junger Mann, ein anderer liegt am Boden und hält sich den Kopf. "Haut ab", ruft ein Polizist und schlägt einem Passanten in den Rücken. Auf dem Taksim-Platz tanzen derweil Hunderte Hand in Hand den Halay, einen traditionellen Ringtanz. (Markus Bernath, DER STANDARD, 5.6.2013)

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    Türkische Fronten: Zwei Frauen streiten im Zentrumsviertel Kizilay in Ankara über den Einsatz der Polizisten gegen die Demonstranten. Foto: AP/Özbilici

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