Druck auf Europäische Zentralbank bleibt hoch

4. Juni 2013, 17:38
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Die schwache Kreditvergabe und die niedrige Inflation könnten die Europäische Zentralbank erneut zum Handeln zwingen

Frankfurt/Wien - Wenn sich die Währungshüter der Eurozone am Donnerstag treffen, ist die konjunkturelle Wetterlage anhaltend stürmisch. In den vergangenen 18 Monaten haben Volkswirte ihre Erwartungen für das Wachstum in der Eurozone kontinuierlich absenken müssen. Besserung ist auf kurze Sicht nicht absehbar. "Die Eurozone schrumpft aktuell noch", bestätigt auch Huw Pill, Chefvolkswirt für Europa bei Goldman Sachs im Standard-Gespräch. "Aber wir erwarten im zweiten Halbjahr einen moderaten Aufschwung. Doch Risiken nach unten bestehen weiterhin, einen plötzlichen Konjunktur-Boom wird es nicht geben."

Zwar hat die europäische Zentralbank mit dem Versprechen, im Krisenfall Staatsanleihen zu kaufen (das OMT-Programm), die Märkte beruhigt. Doch die Politik des billigen Geldes kommt in der Eurozone nicht gleichermaßen gut an. In Spanien oder Italien sinkt die Kreditvergabe an Unternehmen weiter. "Die fundamentalen Probleme sind immer noch dieselben. Und sie halten einen möglichen Aufschwung zurück", sagt Ben May, Ökonom bei Capital Economics. Er sieht "mehr Druck" auf die EZB, gegenzusteuern und die Zinsen weiter zu senken oder ein Finanzierungsprogramm für kleine und mittelständische Unternehmen zu starten. Doch mehrere Gouverneure haben sich in den vergangenen Tagen und Wochen reserviert gezeigt. Ein mögliches Programm für die Ankurbelung der Kreditvergabe brauche noch mehr Vorbereitung, so der Tenor.

Inflation gefallen

Raum für weitere Maßnahmen gäbe es - zumindest von der Inflationsseite. Im April ist die Inflation in den entwickelten Ländern laut OECD auf den niedrigsten Stand seit November 2009 gefallen, ebenso in der Eurozone.

"Sich jetzt ausschließlich auf die EZB zu verlassen, um die Kreditklemme aufzulösen, ist zu wenig", meint allerdings Pill. "Als es Liquiditätsprobleme gab, hat die EZB reagiert und die Situation verbessert. Doch einige Banken bleiben unterkapitalisiert, daran kann die EZB aber wenig ändern." Am Liquiditätsproblem hingegen hat die EZB geschraubt. Aktuell nehmen sich die Banken immer weniger Kredit von der Zentralbank. Als Folge ist die Bilanzsumme der EZB zwischen Jahresbeginn und Ende Mai um 469 Milliarden Euro gefallen.

Starker Euro als Gegenwind

Doch die relative Ruhe an den Finanzmärkten solle nicht zu Reformmüdigkeit einladen, befindet Pill. Denn ob das Staatsanleihenprogramm der EZB in der Praxis funktioniert, sei alles andere als sicher: "Das OMT funktioniert besser, solange es nicht aktiviert werden muss. Denn sonst werden neue technische Fragen aufgeworfen, und die Unsicherheit steigt wieder." Ein Faktor ist etwa die Frage, ob die Ankäufe der EZB anderen Gläubigern gegenüber bevorzugt werden.

Dabei sind wichtige Reformen auf den Weg gebracht: "Spanien ist durch eine gewaltige Transformation gegangen. Das Land passt sich an. Es hat im Vergleich zu Italien oder Frankreich deutlich an den Lohnkosten geschraubt." So hat das Land im März erstmals seit 1971 einen monatlichen Handelsüberschuss erzielt.

Tatsächlich könnte die Zentralbank aber zu Maßnahmen gezwungen werden, wenn die anderen Notenbanken, etwa in den USA und Japan, ihre Politik lockern und damit ihre Währungen schwächen. "Der wahrscheinlichste Trigger für neue Interventionen von der EZB in den nächsten Monaten wäre, dass der Euro zu unverhältnismäßig hohen Levels steigt und damit die Exporte der Eurozone schwächt." (Lukas Sustala, DER STANDARD, 5.6.2013)

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    Was könnte neue EZB-Maßnahmen auslösen? Ein heftig gestiegener Euro etwa, erwartet Goldman-Ökonom Huw Pill.

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