"Wir werden nicht die Letzten sein"

Interview4. Juni 2013, 20:00
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Seit geraumer Zeit widmet sich der britische Kosmologe Martin Rees auch Zukunftsfragen: Er spricht über die Verwundbarkeit der Gesellschaft und die posthumane Intelligenz

STANDARD: 2003 erschien Ihr Buch "Unsere letzte Stunde". In Wien sprachen Sie nun darüber, wie man das 21. Jahrhundert überleben kann. Haben Sie sich vom Pessimisten zum Optimisten gewandelt?

Rees: Ich bin wohl hinsichtlich der Technologien ein Optimist - und ein Pessimist, die Politik betreffend. Ich glaube, dass wir bereits das Wissen haben, bis Mitte des Jahrhunderts eine bessere Welt zu schaffen. Aber es fehlt der politische Willen.

STANDARD: Vor zehn Jahren haben Sie noch gemeint, dass die Menschheit eine nur 50-prozentige Chance hat, dieses Jahrhundert zu überleben. Was glauben Sie heute?

Rees: Ich bin nicht unbedingt davon ausgegangen, dass die gesamte Menschheit im 21. Jahrhundert verschwinden wird. Aber dass ein Risiko besteht, dass die Zivilisation einen ernstzunehmenden Rückschlag erleiden wird. Das glaube ich nach wie vor.

STANDARD: Was heißt das konkret?

Rees: Wir haben etwa Glück gehabt, dass es im Kalten Krieg keine nukleare Katastrophe gegeben hat. Die Gefahr einer globalen nuklearen Vernichtung besteht heute zum Glück nicht mehr. Aber es nimmt die Sorge zu, dass kleinere nukleare Arsenale in einem regionalen Kontext oder von terroristischen Gruppen eingesetzt werden könnten. Existenzielle Risiken, wie ich sie nenne, könnten aber auch von der Kehrseite der Technologien des 21. Jahrhunderts ausgehen, z. B. von neuen Cyber-, Bio- und Nanotechnologien. Auch wenn natürlich nicht alle Technologien nur Risiken bergen.

STANDARD: Was sehen Sie als die größten Herausforderungen an?

Rees: Dieses Jahrhundert ist das erste in der Geschichte der Erde, in der eine Spezies - die Menschheit - die Macht hat, das Schicksal der Biosphäre zu bestimmen. Dabei wird die Bevölkerung noch zunehmen: von derzeitigen sieben Milliarden Menschen auf vielleicht neun bis Mitte des Jahrhunderts. Wir benötigen also auch mehr Ressourcen denn je und könnten die Biosphäre nachhaltig schwächen. Sich schneller ausbreitende Pandemien könnten Chaos auslösen, vor allem in den großen Städten. Hinzu kommt die Herausforderung des Klimawandels.

STANDARD: Und in Bezug auf die Technologien?

Rees: Wir leben in einer sehr komplexen Welt, in der wir heute von vielen Netzwerken abhängig sind: bei der Energieversorgung, bei der Flugsicherheit, beim internationalen Finanzwesen etc. So können heute auch kleine Gruppen bis hin zu Individuen mittels neuer Technologien einen globalen Einfluss haben - zum Guten wie zum Schlechten. Wir sind heute verletzbarer denn je.

STANDARD: Was sollte dem entgegengesetzt werden?

Rees: Man muss mehr über diese Risiken nachdenken. So will nun auch eine Gruppe von Wissenschaftern in Cambridge ein Forschungsprogramm starten, um die größten Risiken und Wege, wie man hier die Widerstandsfähigkeit erhöhen kann, zu erheben.

STANDARD: Welche Verantwortung liegt darüber hinaus bei den Wissenschaftern?

Rees: Sie müssen den möglichen Risiken gegenüber aufgeschlossen sein und sollten alles tun, um vorteilhafte Anwendungen der Technologien zu unterstützen und die Öffentlichkeit über Nachteile und Risiken aufzuklären. Etwa so, wie es nun auch Forscher im Bereich von Klima und Umwelt tun. Damit sind dann auch Regierungsvertreter eher dazu zu bringen, sich der Themen anzunehmen.

STANDARD: Zur ferneren Zukunft: Sie weisen immer wieder darauf hin, dass die Menschheit nicht am Astende des Evolutionsbaums stünde. Was meinen Sie damit?

Rees: Unsere Sonne entstand vor 4,5 Milliarden Jahren. In den letzten vier Milliarden Jahren haben wir uns aus dem einfachsten Leben entwickelt. Astronomen wissen, dass die Sonne noch etwa fünf bis sechs Milliarden Jahre scheinen wird. Das Universum wird es noch länger geben. Es gibt also keinen Grund zu glauben, dass wir die Letzten sein werden. Ich gehe davon aus, dass es eine posthumane Evolution geben wird.

STANDARD: Inwiefern?

Rees: Ein Szenario könnte etwa sein, dass in einigen hundert Jahren kleine Gruppen von Menschen weit weg von der Erde leben werden. Sie werden mehr über Genetik wissen und stärkere Computer haben. Sie könnten sich über genetisches Engineering so modifizieren, dass sie an die fremde Umwelt besser angepasst sind. Das wäre der Start einer posthumanen Evolution. Aber wir wissen nicht, ob sie organisch oder robotergesteuert sein wird.

STANDARD: Das weckt Bilder der Science-Fiction-Literatur.

Rees: Wir bekommen heute sehr viele Impulse von Science-Fiction. Aber man sollte keine Massenemigration erwarten. Unser Solarsystem bietet keine Umwelt, die so "mild" wie die Antarktis oder die Spitze des Mount Everest ist. Wir müssen unsere Probleme auf der Erde lösen. Aber wir sollten auch im Hinterkopf behalten: Falls Leben draußen im All bereits existiert, muss es nicht unserem Leben ähneln. Wir sollten also alle möglichen Techniken in Betracht ziehen, Leben zu finden. Vielleicht werden wir die Antwort in 20 bis 30 Jahren kennen. (Lena Yadlapalli/DER STANDARD, 5. 6. 2013)

 


Martin Rees, geb. 1942, ist ein britischer Kosmologe und Astrophysiker. Er war Direktor des Instituts für Astronomie an der University of Cambridge. Von 2005 bis 2010 war er Präsident der Royal Society, 2005 wurde er als Lord ins Oberhaus des Britischen Parlaments berufen. Der mehrfach ausgezeichnete Forscher und Autor populärwissenschaftlicher Bücher hielt Montag auf Einladung der IIASA und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften einen Vortrag zum Thema "Surviving the Century".

  • Martin Rees glaubt an eine Bevölkerungsexplosion auf neun Milliarden Menschen bis zur Mitte des Jahrhunderts. Die Folge: noch knappere Ressourcen.
    foto: heribert corn

    Martin Rees glaubt an eine Bevölkerungsexplosion auf neun Milliarden Menschen bis zur Mitte des Jahrhunderts. Die Folge: noch knappere Ressourcen.

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