O mein Papa!

4. Juni 2013, 19:58
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Die Rolle der Mutter ist gut erforscht, über Väter weiß man noch wenig. Ein neues Projekt fragt: Wie ist das Selbstbild des Vaters? Wie geht er mit dem Stress frühgeborener Kinder um?

Die wenigsten Familien erfüllen heute noch die klassische Vorstellung von Vater, Mutter, Kind - doch ungebrochen bleiben die lieben Kleinen im Falle der Familienauflösung mehrheitlich bei den Frauen: Von mehr als 350.000 Ein-Eltern-Familien im Jahr 2001 bestanden rund 300.000 aus Müttern mit deren Nachwuchs. Auch in der Psychologie galt das Hauptaugenmerk beim elterlichen Einfluss auf die Entwicklung der Kinder bisher fast ausschließlich den Müttern. Das soll sich ändern: Ein eben angelaufenes, großangelegtes Projekt, das von der Jacobs Foundation gefördert wird, befasst sich mit der Rolle der Väter.

Insgesamt sechs Forscherinnen und Forscher aus Österreich, Deutschland und der Schweiz haben sich unter der Leitung von Lieselotte Ahnert an der Universität Wien zum Central European Network on Fatherhood (Cenof) zusammengeschlossen, um die Rolle des Vaters wissenschaftlich aufzuarbeiten. Dabei werden in sechs Einzelprojekten verschiedene Aspekte der Vaterschaft untersucht: was Männer motiviert, sich in der Erziehung zu engagieren (Ulrike Ehlert, Uni Zürich), die Balance zwischen Arbeit und Familie bei Vätern (Petra Klumb, Uni Freiburg), die Rolle von Stiefvätern (Harald Euler, Uni Kassel), Väter in zerbrochenen Familien (Katja Nowacki, FH Dortmund) sowie Väter als wichtige emotionale Entwicklungsressource (Lieselotte Ahnert, Uni Wien) und Unterstützer bei der Entwicklung des Selbstbildes (Julius Kuhl, Uni Osnabrück).

Lieselotte Ahnert und ihre Mitarbeiter befassen sich mit speziell geforderten Vätern, nämlich jenen Frühgeborener. Unter dem Titel " Maximierte Vaterschaft" untersuchen sie deren Bedeutung für die emotionale Entwicklung ihrer Kinder. In erster Linie geht es dabei um deren Umgang mit und Widerstandsfähigkeit gegen Stress.

Umgang mit Frühchen

"Wir wissen aus vielen Untersuchungen vor allem in den 1960er- und 1970er-Jahren, dass Frühchen im kognitiven Bereich eine verzögerte Reifung, aber nicht notwendigerweise hier auch Beeinträchtigungen haben müssen", führt Ahnert aus, "worüber wir kaum etwas wissen, ist, wie es mit ihrer emotionalen Reaktionsfähigkeit und ihrer Persönlichkeitsentwicklung aussieht."

Dabei spielt es eine große Rolle, wie man mit Alltagsanforderungen und Stress zurechtkommt. Ahnert und ihr Team haben in Kooperation mit dem Wiener AKH und seiner Nachsorgeambulanz für Frühgeborene bereits eineinhalb Jahre Vorarbeit auf diesem Gebiet geleistet: Sie nahmen viermal am Tag Speichelproben von Kindern im zweiten Lebensjahr, die zu früh auf die Welt gekommen waren, und ließen die Menge des Stresshormons Cortisol darin feststellen.

Leidvolle Vorgeschichten

Bei jedem Kind war den Wissenschaftern eine teilweise sehr leidvolle Vorgeschichte bekannt: "Sie haben alle einen langen Krankenhausaufenthalt im Inkubator und oft auch Operationen hinter sich, bis hin zu OPs am Herzen", gibt Ahnert zu bedenken.

Gleichzeitige genetische Analysen, die Jürgen Neesen vom Wiener Institut für medizinische Genetik durchführte, ergaben freilich auch eine vererbte Komponente der Stressreaktion: "Wir haben zwei kritische Gene untersuchen lassen", erklärt Ahnert, "die an der emotionalen Regulation mitwirken. Jetzt ist die Frage: Wie wirkt es sich aus, wenn ein durch Frühgeburt ohnedies belastetes Kind auch noch eines dieser kritischen Gene hat? Kann das Verhalten der Eltern - im konkreten Projekt: der Väter - das überhaupt abfedern?"

Wie die Elternbeteiligung am AKH gezeigt hat, tun sie jedenfalls ihr Möglichstes: "Die Frühchenväter verhalten sich völlig anders als gewöhnliche: behutsamer und beschützender", sagt Ahnert. Besonders auffällig: Sie verzichten weitgehend auf das, was die Psychologin " Kamikazespiele" nennt, wie In-die-Luft-Werfen oder simulierte Sturzflüge. "Den Müttern stockt da schon mal der Atem", meint Ahnert, " aber die Kinder lieben das, und es ist wichtig für ihre Entwicklung."

Wie wichtig, hat sich bei Arbeiten herausgestellt, die Ahnerts Gruppe mit reif geborenen Kindern desselben Alters durchführte: Die Psychologinnen nahmen an ihnen die gleichen Untersuchungen vor wie an den Frühgeborenen und stellten fest, dass die Widerstandsfähigkeit der Frühchen gegen Stress weniger gut ausgeprägt ist.

Intensiveres Beschützen

Die Eltern wirken diesem Umstand durch intensiveres Beschützen und früheres Einschreiten bei potenziell schwierigen Situationen nach Kräften entgegen. Entsprechend ist die Bindung zwischen diesen Kindern und ihren Eltern intensiver. Bei den reif geborenen Kindern hingegen fand Ahnert: "Das Stresssystem wird ausgeprägt über das Verhalten der Väter."

An Cenof nehmen 3700 Väter teil. An Ahnerts Projekt sollen immerhin 250 Väter mitwirken, unter anderem mittels einer Smartphone-App, mit der sie ihr Zeitmanagement dokumentieren sollen: Dazu bekommen sie eine Woche lang zu unterschiedlichen Zeiten eine SMS und sollten dann zur Antwort geben, was sie gerade machen. Bei den Kindern werden neben der Stressregulation auch mentale Leistungen und ihr Sprachgebrauch untersucht. "Wir wissen aus Tests mit Müttern, dass Dinge wie Kooperation oder Frustrationstoleranz der Kinder je besser ist, desto besser ihr Beziehungsfeld ist", sagt Ahnert. Welche Rolle der Vater dabei spielt, müssen die Forscherinnen erst herausfinden.

Bei aller Konzentration auf die Männer werden in alle Arbeiten der Cenof-Studie auch die Frauen einbezogen, denn "die Mütter sind die Torwächterinnen", weiß Ahnert, "wenn sie die Männer nicht dabeihaben wollen, kommen diese nicht dagegen an." Inwieweit diese allerdings überhaupt dabei sein wollen, untersucht Harald Euler, der sich im Rahmen der Cenof-Studie mit Stiefvätern beschäftigt. Ahnert zitiert die bisherigen Erkenntnisse ihres Kollegen: "Man kann nicht sagen, dass Männer eine Disposition gegen Kindererziehung haben, aber sie sind auch nicht speziell darauf vor- bereitet."

In jedem Fall werden die Ergebnisse des Cenof-Projektes auch in konkrete sozialpolitische Maßnahmen einfließen: In Erziehungsberatungsstellen und Kliniken wendet man sich mit Maßnahmen und Empfehlungen vorrangig an die Mütter, Väter spielen dabei gewöhnlich eine untergeordnete Rolle. Die Studie soll aufzeigen, wo und wie diese besser eingebunden werden können. (Susanne Strnadl, DER STANDARD, 5.6.2013)

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    Breites Grinsen beim Kinderwagenschieben: Ein Forscherteam untersucht mehrere Aspekte der Vaterschaft - nicht nur jene, die dem Klischee entsprechen.

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