Cold Case: Zwei Mordprozesse nach vielen Jahren

4. Juni 2013, 17:33
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Manche Verbrechen bleiben viele Jahre ein Rätsel, bevor die Polizei durch neue Methoden zur entscheidenden Erkenntnis kommt. Das Cold-Case-Management führte nun zu zwei Mordprozessen

Linz / Wiener Neustadt - Ein 45-jähriger Kroate musste sich am Dienstag vor dem Landesgericht Linz wegen eines vor 21 Jahren begangenen Mordes an einer 19-jährigen Kellnerin verantworten. Der Fall wurde im Zuge von Cold-Case-Ermittlungen durch einen zufälligen Treffer in der Datenbank entscheidend beeinflusst, der Mann daraufhin in Slowenien festgenommen und an Österreich ausgeliefert. Er zeigte sich geständig und wurde zu 19 Jahren Haft verurteilt.

Am 10. März 1992 wurde die 19-Jährige, die in einem Wettlokal in Linz als Kellnerin arbeitete, getötet. Laut Anklage soll der Kroate dort einiges getrunken und viel Geld verspielt haben. Als ihn die Frau zur Sperrstunde aufforderte zu gehen, habe er sie bewusstlos geschlagen, gewürgt und ihr anschließend mit einer zerbrochenen Bierflasche die Halsschlagader durchtrennt. Daraufhin verblutete die Frau binnen weniger Minuten. Der Täter habe die Leiche entkleidet, ihr im Genitalbereich Verletzungen zugefügt und noch 5700 Schilling (414,24 Euro) aus der Kassa mitgenommen.

Trauma Jugoslawienkrieg

Der Staatsanwalt spricht von einem "kaltblütigen Mord". Der Angeklagte habe bei seiner Einvernahme selbst zugegeben, dass er die bewusstlos auf dem Boden liegende Frau nur getötet habe, damit sie ihn später bei der Polizei nicht verraten könne. Im Prozess bestritt der Beschuldigte aber, das gesagt zu haben.

Ansonsten gab er die Tat zu. Er könne sich genau an den Hergang erinnern, aber nicht an sein Motiv. Die Aggressivität, die er an den Tag gelegt habe, sei ihm unerklärlich. Möglicherweise spielten auch Traumata eine Rolle, die er im Jugoslawienkrieg und bei einem schweren Autounfall erlitten habe, sagte er. Laut Sachverständigengutachten war er zur Tatzeit aber zurechnungsfähig. Was die sexuellen Angriffe betrifft, habe der Mann "eine gewisse Vergewaltigungsabsicht eingeräumt", so der Staatsanwalt. Dazu sei es aber dann nicht gekommen.

Neue Ansätze

Zum Verhängnis wurde dem Angeklagten ein Benzindiebstahl, den er in Frankreich begangen haben soll. Damals wurde er zwar nicht verurteilt, sondern nur ausgewiesen, aber seine Fingerabdrücke waren nun im Polizeicomputer gespeichert. Im Zuge eines Routineabgleichs kamen die Ermittler auf ihn.

Cold-Case-Ermittlungen führen durch immer dichtere Vernetzung von Polizeidaten regelmäßig zu neuen Ansätzen. Auch in Wiener Neustadt begann am Dienstag ein Mordprozess, der im Wesentlichen auf Erkenntnissen des Cold-Case-Managements beruht: Es geht um die seit 2001 vermisste Kindergartenhelferin Heidrun W., die inzwischen für tot erklärt wurde. Der 42-jährige Angeklagte soll die Frau bei einer Wanderung in der Buckligen Welt einen Abhang hinuntergestoßen haben. Von ihrer Leiche fehlt bis heute jede Spur.

Beim Angeklagten wurde ein gefälschter, von ihm selbst verfasster Abschiedsbrief der Frau gefunden. Im Rahmen der Cold-Case-Ermittlungen verwickelte er sich schließlich in viele Widersprüche. Beim Prozess erzählte er nun eine völlig neue Version, wonach der Ehemann des Opfers die Frau unabsichtlich die Böschung hinuntergestoßen habe. Ein Urteil in dem Indizienprozess ist für Ende Juni geplant. (APA/red/Michael Simoner, DER STANDARD, 5.6.2013)

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