Sezierte Schneewittchen und entblätterte Models

4. Juni 2013, 18:38
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Die Kunst des anatomischen Modellierens steht im Mittelpunkt der länderübergreifenden Schau "Amazing Models" im Wiener Josephinum, die tiefe Einblicke in wächserne Körper gibt

In den Augen ein schmachtend-leidender Ausdruck, der Mund leicht geöffnet, ein goldener Reif im blonden Haar, eine Perlenkette um den schlanken Hals - sinnlich wie ein Model liegt die Wachspuppe auf seidenem Tuch. Bloß: Die Bauchdecke ist offen, darunter das Ensemble an Eingeweiden. Ein seziertes Schneewittchen im Glassarg. Was unter dem Titel Amazing Models im Wiener Josephinum präsentiert wird, sind Modelle der besonderen Art: Sie dienten dazu, die Anatomie des menschlichen Körpers offenzulegen - und das mit größter Kunstfertigkeit.

Diese Verbindung zwischen Kunst und Wissenschaft, die Kombination von faszinierend schauderhaftem "Exhibitionismus" und anschaulicher Verbreitung von medizinischem Fachwissen steht im Zentrum der Ausstellung, die noch bis 26. Oktober zu sehen ist. Sie entstand in Zusammenarbeit dreier herausragender Institute auf dem Gebiet der Medizingeschichte: Neben dem Josephinum sind das Boerhaave Museum im niederländischen Leiden und das Museo delle Cere Anatomiche Luigi Cattaneo in Bologna in Italien an dem EU-Projekt beteiligt.

Ein Teil der Schau besteht daher aus Objekten, die jeweils zum nächsten Ort weiterwandern: Ein Stück einer Wirbelsäule, die Entwicklung eines menschlichen Fötus in der Gebärmutter, die Sektion eines Auges, das Modell eines Blasentumors - zwei neu eingerichtete Räume im Josephinum geben einen Überblick über die Wachssammlung in Bologna und Papiermaché- Modelle aus Leiden. Dazu kommen interaktive Stationen, bei denen die Besucher selbst Hand anlegen können, und eine Auswahl historischer medizinischer Instrumente.

Leichen, Papier und Wachs

"Indem man anatomische Modelle anfertigte, konnte man das Problem überwinden, mit kaum haltbarem menschlichem Material arbeiten zu müssen" , sagt Bart Grob, Amazing Models-Kurator vom Boerhaave Museum. Zudem waren Leichen, die an den Hochschulen und öffentlich seziert wurden, nicht immer leicht zu beschaffen.

Abhilfe schufen vorerst anatomische Atlanten, die mit reichhaltigen Illustrationen Einblicke in den menschlichen Körper boten. Einige der wichtigsten sind derzeit im Josephinum ausgestellt. Darunter eine Ausgabe des Lehrbuchs De humanis corporis fabrica libri septem von Andreas Vesalius von 1555 aus der Josephinischen Bibliothek (die Erstausgabe stammt aus dem Jahr 1543). In den mehr als 200 Holzschnitten wurde erstmals künstlerisch anspruchsvolle Darstellung mit anatomischem Wissen am aktuellsten Stand verbunden. "Die Legende, dass Vesalius Leichen stahl, um sie heimlich zu sezieren, weil es die katholische Kirche verbot, wurde mittlerweile wissenschaftlich widerlegt", fügt Bart Grob hinzu. Fest steht, dass die schematische Weise, mit der Vesalius schrittweise jeden Körperteil von allen Seiten zeigt, hohe Maßstäbe setzte.

Doch so naturgetreu die Zeichnungen waren - auf 3-D-Modelle konnte man bei der Vermittlung von medizinischem Wissen nicht verzichten. Im 18. Jahrhundert begann man, für den anatomischen Unterricht Modelle aus Wachs zu fertigen - ein Werkstoff, mit dem schon Leonardo da Vinci experimentiert hatte und der ursprünglich verwendet wurde, um Modelle für Bronzestatuen zu fabrizieren. Bologna und Florenz etablierten sich bald als Zentren dieser Kunst für den Hörsaal. Erst im 19. Jahrhundert wurde das weniger empfindliche Papiermaché in der Massenproduktion von Körpermodellen eingesetzt.

Aus Florenz kommen auch die "Juwelen" des Josephinum, die rund 1190 Modelle umfassende Wachspräparatesammlung. Der gelernte Bildhauer Clemente Susini stellte sie im Auftrag von Kaiser Joseph II. her - für dessen 1785 gegründete "medizinisch-chirurgische Josephs Akademie". In hunderten Vitrinen erschließt sich ein eindrucksvolles Kabinett: Zu den liegenden Frauenfiguren kommt eine Reihe aufrechter, lebensgroßer Männermodelle: Schicht um Schicht "entblättern" sie sich, bis nur mehr das Skelett übrigbleibt - dabei das Haupt stets würdevoll erhoben und die Haltung so dynamisch, als würde die Figur jeden Moment aus der Vitrine steigen.

Rundherum stehen Kästen mit sämtlichen Körperteilen und Organen, in allen Lagen und Ansichten, mit glänzenden Oberflächen und satten Farben, von der Zehe bis zum Gehirn. "Meine Lieblinge sind die Köpfe", sagt Christiane Druml, Vizerektorin der Medizinischen Universität Wien und Projektverantwortliche am Josephinum, bei einem Rundgang. "Sie liegen wie friedlich schlafend da, mit ihrem ondulierten Haar. Das sind nicht nur wissenschaftliche Objekte, sie sind voller Menschlichkeit." In jeder Hinsicht: Hinter jedem noch so zarten Wachsgesicht treten Knochen, Adern, Nervenstränge hervor.

Ethisch unbedenklich

Diese Detailgenauigkeit können moderne Plastinationen wie die von Gunther von Hagens' "Körperwelten" - derzeit im Naturhistorischen Museum zu sehen - niemals erreichen, sind Bart Grob und Christiane Druml überzeugt. "Heute ist es nicht notwendig, Körper von Toten zu plastinieren, schon gar nicht in solch einer reißerischen Darstellung", sagt Druml.

Die länderübergreifende Ausstellung ist nicht nur ethisch unbedenklich, sondern für Druml auch ein Anlass, das Image des Josephinum zu entstauben. "Wir planen, künftig moderne Künstler miteinzubeziehen." Nebenbei müssen die fragilen Wachsmodelle erhalten werden. Vor mehr als 200 Jahren wurden sie auf Maultieren über den Brenner und auf Schiffen über Inn und Donau nach Wien transportiert und kommen immer noch ohne Klimaanlage aus. Staubpartikel, die sich am Wachs ablagern, trüben die Farben. Es fehlt an Geld, deswegen werden Spender gesucht: Wer will, kann die Patenschaft über ein wächsernes Model übernehmen. (Karin Krichmayr, DER STANDARD, 5.6.2013)


Link
Ausstellung "Amazing Models" bis 26. Oktober im Josephinum, jeweils Freitag und Samstag von 10 bis 18 Uhr

  • Wie Schneewittchen in Blond, mit offener Bauchdecke: Die "Venus" des Josephinums ist Herzstück der Wachspräparatesammlung, die seit mehr als 200 Jahren vor sich hinschlummert. Die Detailgenauigkeit der Modelle übertrifft locker die der umstrittenen Platinationen aus den "Körperwelten", ist man im Josephinum überzeugt.
    foto: corn

    Wie Schneewittchen in Blond, mit offener Bauchdecke: Die "Venus" des Josephinums ist Herzstück der Wachspräparatesammlung, die seit mehr als 200 Jahren vor sich hinschlummert. Die Detailgenauigkeit der Modelle übertrifft locker die der umstrittenen Platinationen aus den "Körperwelten", ist man im Josephinum überzeugt.

  • Andreas Vesalius' Anatomielehrbuch aus dem 16. Jahrhundert setzte mit detaillierten Körperstudien hohe Maßstäbe.
    foto: corn

    Andreas Vesalius' Anatomielehrbuch aus dem 16. Jahrhundert setzte mit detaillierten Körperstudien hohe Maßstäbe.

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