Großes Ganzes, verzweifelt gesucht

4. Juni 2013, 17:28
14 Postings

Berliner Philharmoniker im Wiener Konzerthaus

Wien - Das Raunen war groß, als Sir Simon Rattle zu Anfang des Jahres ankündigte, nicht wie manch Vorgänger erst mit dem Tod aus dem Amt des Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker zu scheiden, sondern schon 2018. Ein ansonsten seriöses Hamburger Wochenblatt machte sich dann auch prompt ans ganzseitige Orakeln, wer dem Briten denn nun auf dem vielleicht begehrtesten, prestigeträchtigsten Dirigentenposten der Klassikwelt nachfolgen könnte/wollte/sollte.

Nun ist der ewig Lächelnde aber noch ein halbes Jahrzehnt im Amt wie auch zurzeit gerade in Wien: Drei Konzerte spielt das komplette Orchester im Konzerthaus, weitere drei Abende bestreiten Ensembles des Klangkörpers. Mit den Notations pour orchestre Nr. 1, 7, 4, 3 und 2 von Pierre Boulez wurde der erste Abend eröffnet. Seine zwölftaktigen Klavierstücke aus dem Jahr 1945 hat der französische Komponist einige Jahrzehnte später für Orchester umgearbeitet: Das karge Werkkorpus weitet sich hier, wächst, wuchert aus in ein oft urwaldähnliches Dickicht der Stimmen, das nur schwer hörend zu überblicken ist.

Die Berliner agierten, zu einem gigantischen Orchesterapparat angeschwollen, doch eher wie ein behäbiger Koloss: mit etwas schwerfälligem Spielverhalten, mit oft unentschlossener, verwaschener Emotionalität, mit nur begrenzt pointierter rhythmischer Kraft. Bruckners Siebte zeigte Rattle dann als eine Aneinanderreihung vieler extrem penibel, sensibel, dynamisch und intensiv musizierter Kleinstabschnitte, es ergab sich aber kein großes Ganzes. Bruckner klingt bei Rattle, als ob er täglich joggen und ins Fitnessstudio gehen würde, und dazu noch dreimal die Woche ins Ballett. Hat man den alten Herrn - gemeint ist der Komponist - je so fit, lebendig, aber auch so grenzaufdringlich aufgedreht erlebt?

Zudem dreht der 58-jährige rastlose Gestalter gern am Lautstärkeregler. Schon der erste kleine Schweller der Celli und der Bratschen im sechsten und siebten Takt quoll einem entgegen quasi wie der Bizeps von Mister Universum: Muckis statt Metaphysik. Ungewohnt fließend, lyrisch das "non confundar" im zweiten Satz, eindrucksvoll, aber natürlich das Starkstromspiel der Streicher. Freudvoller Applaus als kollektives Fazit. (Stefan Ender, DER STANDARD, 5.6.2013)

Am 5. und 6. Juni sind die Berliner Philharmoniker und Sir Simon Rattle im Konzerthaus mit Mahlers zweiter Symphonie zu erleben.

Share if you care.