Sexismus im Beruf: Ein neuer alter Kampf

Rezension5. Juni 2013, 07:00
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Der Sammelband "Es reicht! Gegen sexuelle Diskriminierung im Beruf" will zeigen, dass die jüngste Protestwelle bei weitem nicht die erste ist

Anfang des Jahres erschütterte eine Debatte über Sexismus am Arbeitsplatz und in der öffentlichen Sphäre Deutschland und in der Folge auch Österreich. Die Journalistin Laura Himmelreich hatte in ihrem "Stern"-Artikel "Der Herrenwitz" einen konkreten Fall von Sexismus öffentlich gemacht, der kurz darauf unter dem Hashtag #Aufschrei enorme Wellen schlug. In zahlreichen Debatten stellte sich heraus: Verbale Herabsetzung, sexuelle Belästigung bis hin zu sexueller Gewalt - davon wissen noch immer abertausende Frauen zu erzählen.

Nur wenige Monate später hat die feministische Journalistin Alice Schwarzer nun das Buch "Es reicht! Gegen Sexismus im Beruf" herausgegeben. Sie macht darin klar, dass der jüngsten medialen Aufmerksamkeit bereits in den 70ern und 80ern rege Debatten über Sexismus im Beruf vorangegangen waren. An diese Kämpfe will das Buch erinnern, und das geht wie immer bei Schwarzer nicht, ohne dabei die Rolle ihres Magazins "Emma" besonders zu betonen. Auch sind im Buch vorwiegend Texte zu finden, die bereits zuvor in der "Emma" erschienen sind. Allein zehn Texte stammen aus der März-Ausgabe, sechs weitere aus früheren Ausgaben aus den 80er oder 90er Jahren.

Zu viel Moral

Doch gerade in den bisher unveröffentlichten Beiträgen finden sich spannende Gedanken, die zur diskursiven Flut der vergangenen Monate über Alltagssexismus etwas Neues beitragen. Zum Beispiel Petra Gehrings Text "Keine Frage der Moral", in dem sie die wichtige Frage stellt, warum der Veröffentlichung von "Der Herrenwitz" der Vorwurf der Moralisierung auf dem Fuß folgte. Dank sehr wirksamer Suggestionsketten werde Sexismus-Kritik noch immer mit Moralisierung gleichgesetzt. Moral, so laute eine häufige Unterstellung in Debatten wie der um Rainer Brüderle, werde im Stil von Totschlagargumenten eingeführt, weil es an "richtigen" Begründungen fehle. Gehring beschreibt hervorragend, wie diese Suggestionsketten und der Moralisierungsvorwurf Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen immer wieder unterwandern - gleichgültig, wie eindeutig die Faktenlage ist.

Kämpfe in den USA

Wesentlich für die kürzlich geführte Debatte über Sexismus am Arbeitsplatz sind auch die im Buch berücksichtigten Kämpfe in den USA für eine Justiz, die Arbeitnehmerinnen schützt. Etwa der aufsehenerregende Fall "Hill vs. Thomas" 1991, bei dem die afroamerikanische Juristin Anita Hill den ersten afroamerikanischen Anwärter für den Obersten Gerichtshof, Clarence Thomas, der sexuellen Belästigung beschuldigte. Das Senatshearing vor dem Justizausschuss verfolgten Millionen US-AmerikanerInnen im Fernsehen, "Fünf Tage, die Amerika veränderten", nannte die deutsche "Zeit" damals die Tage der Anhörung, die weltweit Beachtung fand. Schließlich wurde Thomas mit 52 zu 48 Stimmen in den Supreme Court gewählt.

Beiträge wie dieser schärfen den Blick dafür, dass Sexismusdebatten wie die jüngste innerhalb eines schon lange andauernden Kampfes gegen Diskriminierung stehen. An längst vergessene "Aufreger" zu erinnern ist angesichts der ohnehin nicht sehr präsenten Geschichte der Frauenbewegung notwendig. Doch gerade in diesem Sinne wäre es wichtig, nicht nur die Arbeit eines einzigen feministischen Magazins hervorzuheben. Und so bleibt die Frage, wie sich etwa links stehende Feministinnen und/oder die Herausgeberinnen des in den 80ern eingestellten feministischen Magazins "Courage" dem Thema genähert haben, im vorliegenden Buch leider außen vor. (Beate Hausbichler, dieStandard.at, 5.6.2013)

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    Die Juristin Anita Hill hat 1991 in den USA eine weltweit beachtete Debatte um sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz losgetreten.

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    Alice Schwarzer (Hg.)
    Es reicht! Gegen Sexismus im Beruf
    Kiepenheuer & Witsch 2013
    176 Seiten, 9,30 Euro

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