Ponza - Verführerischer Ort der Verbannung

4. Juni 2013, 16:37
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Früher war Ponza ein Ort, an dem man eingesperrt wurde. Heute will man die Insel vor den Küstenstädten Sperlonga und Gaeta nie mehr verlassen

Der Wind ist trocken und warm, das Tuckern der Boote beruhigend, und jedes einzelne der dicht aneinanderstehenden Häuser scheint seine ganz eigene Farbe für den Anstrich bekommen zu haben. So begrüßt einen die Insel Ponza, wenn man an Land geht.

Es kann kein Zufall sein, dass ausgerechnet diese Insel der Wohnort der verführerischen Circe war, die Odysseus gefährlich wurde: Doch damals hieß die Insel, die einsam zwischen Rom und Neapel im Meer liegt wie ein schlafendes Tier, noch Aeaea - ein Name, der nicht nur nach einem Klagelaut klingt, sondern auch etwas wie klagen bedeutet.

Heute ist die Insel, die größte der Pontinischen Inseln, tatsächlich noch so etwas wie ein Geheimtipp - zumindest verglichen mit anderen touristisch überfluteten Inseln wie Ischia oder Capri. Geografisch erinnert Ponza tatsächlich an Capri, etwa beim Wandern oder wenn man die mächtigen Felsformationen und Grotten mit einem Boot umrundet.

Doch Ponza fehlt der Jetset zum Glück völlig. Man könnte es - im besten Sinne verstanden - auch ein Capri für Arme nennen. Keine Nobelboutiquen und schon gar keine Bettenburgen. Das geht sich schlichtweg nicht aus: Geografie und Bauordnung verhindern es. So kommt man nach einer 70-minütigen Fahrt mit dem Tragflügelboot, die im Golf von Gaeta, im Hafen von Formia beginnt, im Hafen von Ponza an, den die Einheimischen den "schönsten Hafen der Welt" nennen. Man ist irgendwie in einem italienischen Film der 1960er-Jahre gelandet. Dann wartet und hofft man auf eine gute Seele, die einem hilft, irgendwo zwischen den ansteigenden engen Gassen, in denen sich nachts selbst manche der mehr als 3000 Bewohner der Insel manchmal verlaufen, eine Bleibe zu finden.

In unserem Fall ist die gute Seele Maurizio, der legere Tourismuschef der Insel. In den besten Jahren, mit dem verschmitzten Grinser eines Pubertierenden fährt er einen rasant durch Straßen, die so eng und steil sind, dass man versteht, warum der Heilige Silverio, der Schutzpatron der Inselbewohner, auf jedem Haus in jeder Gasse abgebildet ist. Wo die Autos, die man in Ponza fährt, gebaut werden, bleibt ein Mysterium. Sie sehen alle aus wie zu heiß gewaschen. Pkws, Lastwägen, selbst die Fahrzeuge der Müllabfuhr und der nach geheimnisvollem Fahrplan verkehrende Omnibus sind alle ein bis zwei Nummern kleiner als anderswo.

Möglicherweise sind sie umgebaute Golfcaddys? Maurizio schweigt dazu. Ein normales Auto würde jedenfalls in diesen Straßen stecken bleiben. Ganz sicher. Und sollte einem jemand entgegenkommen, kann man nur mehr auf den Heiligen Silverio vertrauen.

Weil kleinere Pensionen und Unterkünfte in Privathäusern hier überwiegen, fühlt man sich bald heimisch. Man gehört irgendwie dazu, Tür an Tür mit alten Damen, die in der Abendsonne vor ihren Häusern sitzen und einem lange Geschichten erzählen - ganz gleichgültig, ob man diese im Detail versteht. Obwohl man sich in der Region Latium befindet, stammt der Dialekt, der auf der Insel gesprochen wird, aus Neapel.

Zwei besonders hübsche Pensionen sind die Villa Laetitia und La Limonaia Mare. Jedes Zimmer ist ein Unikat, liebevoll mit hunderten Details wie alten Möbeln, Bildern und Accessoires bestückt. In der Limonaia dominiert - wenig überraschend - die Farbe Gelb, während man in der Villa Laetitia jedes Zimmer einem Gewürz widmete. Wir schliefen im Zimmer Peperone mit einer Sammlung alter Pfeffermühlen gegenüber vom verschnörkelten Bett. Vom kleinen Balkon aus sieht man den prächtigen Hafen von oben. Küche, Wohnzimmer und Terrasse sind ein Mosaik aus farbenfrohen Kacheln, alles passt hier irgendwie zusammen. Es war ja auch kein Hobbydekorateur am Werk: Die Designerin Anna Fendi ist die Besitzerin dieser beiden kleinen Häuser, die relativ erschwinglich sind.

Der Papst und der Diktator

Die Insel Ponza war jahrhundertelang alles andere als ein romantischer Ort, an dem man freiwillig Ruhe findet. Sie war ein gefürchteter Verbannungsort. Kaiserliche Töchter, die es im strengen Patriarchat zu arg getrieben hatten, wurden hier etwa eingesperrt, und auch der besagte Papst Silverio, der Namenspatron vieler Buben und Männer auf Ponza. Zuletzt wurden Gegner der Faschisten nach Ponza verschifft. Doch der letzte Gefangene auf der Insel war Benito Mussolini selbst.

"Viel zu schön für den Schuft", sagt ein Tischnachbar aus Rom abends im Lokal A Casa di Assunta. Wir prosten ihm herzlich zu. Mit Weißwein, für den die Insel zu Recht bekannt ist. Assunta kocht selbst und kann das wirklich gut. Am liebsten frisches Gemüse und Degenfisch. Wenn sie nicht kocht, nimmt sie auch mal eine CD mit funkig interpretierten Partisanenliedern mit ihrer Band auf.

Dass Ponza ein Ort der Verbannung war, erklärt sich trotz der Schönheit der Insel leicht: Selbst heute ist sie ab Oktober nicht immer ohne Weiteres erreichbar. Die See wird hier mitunter auch so rau, dass keine Boote mehr verkehren können. Dann haben die Ponzesi, die fast alle vom Tourismus und von der Fischerei leben, wieder ihre Ruhe.

Will man schwimmen gehen, fährt man am besten mit dem Boot zu einer der kleinen umliegenden Inseln. Etwa Palmarola, wo man gleich vom Boot aus ins glasklare Wasser springen kann und Bekanntschaft mit verschiedensten bunten Fischschwärmen macht.

Auf dem Weg dorthin kann man erschrecken, wenn wie aus dem Nichts Menschenköpfe im Wasser auftauchen. Es sind keine Sirenen, nur ein paar Apnoetaucher aus Rom, die für die nächste Meisterschaft trainieren und fröhlich winken. Der Tischnachbar vom Vorabend ist auch dabei. In Neopren gewandet hätten wir ihn fast nicht erkannt.

Neben den schon erwähnten Grotten, etwa der Circe-Grotte, an deren Eingang sich auch zwei wunderbare kleine Strände befinden, sollte man auch unbedingt die sichelförmige Bucht Chiaia di Luna (auf Neapolitanisch heißt das Mond-Strand), wo einst ein römischer Hafen war, und den Felsen der Lucia Rosa besuchen. Mit Geschichten mit einem Happy End hat man es auf Ponza nicht so. Eine Frau namens Lucia Rosa warf sich von dem nach ihr benannten Felsen angeblich im 19. Jahrhundert in den Tod, weil sie ihren Geliebten, einen armen Bauern, nicht heiraten durfte. Das hindert frisch vermählte Paare nicht daran, sich gerade hier gerne fotografieren zu lassen. Romantik hat oft einen bitteren Beigeschmack.

Es passt zu Ponza, dass vor allem ein stiller Sport wie das Tauchen hier intensiv betrieben wird. Lärm und Hektik gibt es - vor allem im Frühling und im Spätsommer - nicht einmal auf der Promenade, wo man ein bisschen einkaufen und viel essen kann.

Dass Sonnenauf und -untergang hier so ein besonders buntes Licht zaubern, hat angeblich mit den Bergen und dem Einfallswinkel der Sonnenstrahlen zu tun. Aber so genau muss man das gar nicht wissen. Einfach entspannen und genießen, das funktioniert auf der Insel.

Wenn man wieder heimwärts reisen muss, kann man auch auf dem Festland noch ein paar schöne Tage verbringen.

Da liegt zum Beispiel die Küstenstadt Gaeta nahe - mit der Kirche Santuario della Santissima Annunziata und ihrer goldenen Kapelle. In Gaeta ist auch der gespaltene Berg, Montagna Spaccata, der sich im Moment des Todes von Jesus Christus gespalten haben soll. Wenngleich Geologen das anders sehen, ist es ein Ziel von Wallfahrern. Auch Gaeta hat eine besondere Grotte: die Grotta del Turco, zu der man über eine in den Fels gebaute Treppe tief hinabsteigt, wo dann das Meer türkisblau durch ein Felstor blitzt.

Oder man steigt auf das Dach des Castello Angioino Aragonese, wo man bei gutem Wetter Ischia, Capri und den Vesuv sieht.

Weiter nördlich an der Rivieraküste liegt Sperlonga. Die Innenstadt in einer mittelalterlichen Festung gleicht abends einem riesigen Gauklerfest. Doch noch bevor die Sonne untergeht, sollte man rechtzeitig am Stadtrand bei der zum Meer hin offenen Grotte des Tiberius sein. Die hier in einem Museum ausgestellten Reste überlebensgroßer Figuren, die Odysseus zeigen, wie er mit den Seeungeheuern Skylla und Charybdis kämpft, sind beeindruckend.

Die Grotte selbst hat die Ausmaße eines Tanzsaales und antike künstliche Wasserbecken. Kaiser Tiberius soll hier üppige Feste gefeiert haben, hört man. Dann geht die Sonne unter, und ihre letzten Strahlen treffen ins Innere der Grotte und leuchten sie rotgold aus. Es ist fast unheimlich. Man kann nicht anders, als sich vorzustellen, wie hinter einem in der verlassenen Höhle Tiberius und seine Gäste sitzen und das Spektakel mit einem beobachten. (Colette M. Schmidt, DER STANDARD, Album, 1.6.2013)

  • Die Ponzesi bezeichnen ihren Hafen mit den bunten Häusern, den Yachten und Fischerbooten ganz bescheiden als den "schönsten der Welt". Widersprechen will man ihnen da durchaus nicht.
    foto: associazione isole ponziane

    Die Ponzesi bezeichnen ihren Hafen mit den bunten Häusern, den Yachten und Fischerbooten ganz bescheiden als den "schönsten der Welt". Widersprechen will man ihnen da durchaus nicht.

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    Von Wien fliegen Fly Niki, Austrian Airlines und Alitalia täglich nach Rom. Von Rom geht es mit dem Mietauto weiter an die Riviera des Odysseus. Nach Gaeta sind es 140 Kilometer. Vom nahegelgenen Hafen Formia, aber auch von Anzio, Terracina und San Felice Circeo kann man mit Fähren und Tragflügelbooten nach Ponza fahren. Man darf das Auto nach Ponza mitnehmen, es wird allerdings davon abgeraten.

    Wer mit dem Zug anreist, kann vom Bahnhof Roma Termini stündlich mit Zügen nach Formia, Anzio und Terracina, von wo Fähren zu den Pontinischen Inseln fahren, weiterreisen. Gaeta und Sperlonga sind ab Formia mit dem Autobus erreichbar.

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    Wärmstens empfehlen kann man die beiden Bed & Breakfasts der Designerin Anna Fendi Venturini auf Ponza. Jedes Zimmer in den alten, renovierten Gästehäusern wurde individuell gestaltet. Die Villa Laetitia liegt etwa 15 Gehminuten bergauf vom Hafen entfernt. Das Haus La Limonaia Mare mit nur sechs Zimmern liegt ebenfalls über dem Hafen und ist über 100 Treppenstufen oder mit einem Minitaxi erreichbar.

    In Sperlonga kann man gleich in der Nähe der Villa des Kaisers Tiberius im modernen Hotel Grotta di Tiberio nächtigen. Es liegt zwar nicht direkt am Strand, dafür hat es einen schönen großen Garten mit einen Pool und Blick aufs Meer.

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    Kulinarisches:

    In Ponza kann man im Ristorante A Casa di Assunta traditionelle pontinische Küche genießen. Bodenständig ohne Schnickschnack und gesund. Wer lieber etwas edler speist, sollte sich rechtzeitig einen Tisch im Acqua Pazza im Hafen bestellen. Gaeta ist für einige der besten biologischen Olivenproduktionen Italiens bekannt. In Sperlonga empfiehlt sich unbedingt ein Besuch im Ristorante Tramonto. Auf einer weitläufigen Terrasse direkt am Wasser werden Spezialitäten aus dem Meer, meist eigene Kreationen des Lokals, serviert. Weiterführende touristische Infos: www.enit.at

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