Freiwilligenarbeit auf der Biofarm

7. Juni 2013, 08:40
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Bloggerin Victoria arbeitet für die NGO SAT auf einer Farm in Moroggo und lernt unter anderem, wie verschiedene Feldfrüchte auf Kiswahili heißen

Abgesehen davon, dass Morogoro ein Ausgangspunkt für Safaris in den Mikumi-Nationalpark und für Bergtrips in die "Uluguru"-Gebirge ist, hat es aus rein touristischer Sicht nicht besonders viel zu bieten. Dennoch strahlt Morogoro, umgeben von Bergen und Maisfeldern, einen gewissen authentischen Charme aus. Durch eine Studienfreundin hatte ich von einer jungen NGO dort erfahren, die sich für die Förderung von biologischer Landwirtschaft einsetzt und war neugierig einen Einblick in deren Arbeitsweise zu bekommen.

Bustani ya tushikamane – Garten der Solidarität

Die NGO SAT (Sustainable Agriculture for Tanzania) Bustani ya Tushikamane wurde von einer Gruppe von Tansaniern gemeinsam mit einem Österreicher im Jahre 2009 gegründet. Angefangen hatten sie mit einem kleinen Versuchsgarten, in dem sie Farmern aus der Umgebung Kurse im biologischen Anbau gaben und mit ihnen gemeinsam an, für die Umgebung möglichst effizienten, Kompostarten und biologischen Düngern arbeiteten. Der Umstieg auf die biologische Landwirtschaft soll es den Bauern ermöglichen, das Geld für die Düngemittel und Pestizide zu sparen und gleichzeitig die Gewässer, die die Trinkwasserquelle für die Bevölkerung darstellen, zu schützen.

In den letzten Jahren ist SAT besonders rasant gewachsen, neben der Arbeit mit mehreren Bauerngruppen in der Umgebung und der Eröffnung des ersten Bio-Ladens der Stadt im vergangenen Jahr, entsteht seit letztem Sommer auf einem 50 Hektar-Grundstück eine Farm und eine Landwirtschaftsschule, die biologischen Anbau lehren wird auf einem von den Massai für 99 Jahre gepachteten Stück Land. Die Schule soll ähnlich wie eine Berufsschule bei uns funktionieren und sich durch Eigenanbau und Eigenproduktion im Laufe der Jahre selbst erhalten. Dieses Bauvorhaben kann dank der finanziellen Unterstützung von NGOs und staatlichen Agenturen der EZA aus Österreich, Liechtenstein, Deutschland und der Schweiz realisiert werden. Mit der wachsenden Zahl von Projekten und Geldgebern wurde auch die Liste an Anforderungen, vor allem was die Buchhaltung betraf, länger und herausfordernder. Zusätzlich blieben Arbeiten wie Evaluierungen und Datenanalysen auf der Strecke.

Ungeplantes und perfektes Timing

Zum Zeitpunkt unserer Ankunft, mitten in der Regenzeit, ist SAT gerade dabei, von Excel auf ein Buchhaltungsprogramm umzusteigen. Die Volontärin aus Österreich, die für dieses Vorhaben zuständig ist, hat zwar  Berufserfahrung in der Buchhaltung, allerdings nicht was den kompletten Umstieg auf ein neues Programm, die Erstellung von Kostenstellen, Umgang mit Bankkonten in unterschiedlichen Währungen etc. betrifft.

Erleichterung aber vor allem Hoffnung ist im Gesicht der Volontärin zu erkennen, als sich herausstellt, dass mein Freund durch sein Wirtschaftsstudium und seiner Tätigkeit in einer Bank hier die benötigten Kenntnisse beisteuern kann. Der Leiter der NGO teilt uns dann noch mit, dass von der Arbeit der Bauerngruppen zwar Aufzeichnungen gemacht wurden (wann welche Erntefrüchte angebaut werden, wie viel an den Bio-Laden verkauft wird, Einnahmen der Bauern etc.), diese allerdings nie wissenschaftlich ausgewertet wurden. Dies wäre aber für die Arbeit mit den Bauerngruppen überaus hilfreich und würde darüber hinaus als Basis für weiterführende wissenschaftliche Forschung benötigt. Eine Aufgabe, der ich mir, dank Statistikkurs im Rahmen meines Studiums und meiner Freude an der Arbeit mit Excel, gerne annehme.

Ein etwas unerwarteter Kulturaustausch

SAT befindet sich gemeinsam mit anderen Organisationen auf einem kleinen Bürogelände in Morogoro. In dem dortigen Gästehaus  wohnen bereits zwei Volontärinnen aus Liechtenstein und der Schweiz, und hier kommen wir nun unter. Vier deutschsprachige Personen mit vier unterschiedlichen Nationen unter einem Dach und das tausende Kilometer entfernt von Bodensee und Co. In der Zeit in Morogoro lernen wir nun auch Jazzen und den Schweizer- und Liechtensteiner Akzent besser zu verstehen. Ein etwas unerwarteter europäischer Kulturaustausch in Tansania!

Excel und Kiswahili

Meine Hauptaufgabe besteht darin, die Aufzeichnungen über die Einkäufe des Bio-Ladens von den unterschiedlichen Bauern im vergangenen Jahr möglichst aussagekräftig und übersichtlich darzustellen. Wie groß war die zusätzliche Einnahmequelle der Bauern durch den Verkauf an den Bio-Laden, welche Erntefrüchte wurden in welchen Monaten und von welchen Bauern verkauft, welche Erntefrüchte brachten welche Einnahmen, etc. Ich hatte noch nie zuvor mit einer solchen Datenmenge gearbeitet und dementsprechend fordert mich diese Aufgabe heraus, allerdings nicht nur mich, sondern auch den PC, mit dem ich arbeitete.

Eine weitere Herausforderung stellen meine zu geringen Kiswahili-Kenntnisse dar, denn die Aufzeichnungen sind teilweise auf Englisch teilweise auf Kiswahili, ein kleines Detail, an das keiner dachte mir zu sagen. Meine Kiswahili-Kenntnisse reichen für einen kleinen Tratsch, aber decken bei weiten nicht alle erdenklichen Erntefrüchte ab, und weder Wörterbuch noch Übersetzungsprogramme im Internet helfen mir weiter. Das ganze Prozedere erinnert mich stark an das Memory Spiel, denn jedes Mal wenn ich denke, die Datenbank sei fix und fertig, finden die Shop-Mitarbeiterin wieder eine Erntefrucht, die doppelt genannt wurde, auf Englisch sowie aus Kiswahili. So wird mein Vokabular in Kiswahili was Gemüse und Früchte betrifft deutlich erweitert.

Arbeitsreiche und ertragreiche Wochen

Wir verlängern unseren geplanten Aufenthalt noch einmal um ein paar Tage und schaffen es so, unsere gesteckten Ziele zu erreichen. Mein Freund nahm zuerst gemeinsam mit der Volontärin die Suche nach einem geeigneten Buchhaltungsprogramm und dessen Anpassung an die Bedürfnisse für SAT in Angriff. Darauf folgend arbeiten sie zu dritt, mit dem Leiter der NGO, an der Einspielung der Daten der letzten zwei Jahre und können sogar noch die jeweiligen Jahresabschlüsse im neuen Buchhaltungsprogramm erstellen. Ich für meinen Teil kann SAT am Ende die fertige Datenbank mit Auswertungen, Präsentation und Bericht übergeben.

Auch schule ich die Mitarbeiterin des Bio-Ladens in die Bedienung der Datenbank ein, Einführung in Excel inklusive. Wir blicken auf sehr arbeitsreiche und ertragreiche Wochen in Morogoro zurück. Es war eine sehr spannende Zeit, in der wir beide jeweils sehr viel dazu gelernt haben und einen kleinen Beitrag für die Weiterentwicklung von SAT beisteuern konnten. Ein sehr spannendes Projekt, das wir beide gerne wieder besuchen wollen, um zu sehen wie es sich entwickelt und einen lieb gewonnenen Ort und lieb gewonnene Menschen zu besuchen. (Victoria Lainer, derStandard.at, 7.6.2013)

  • Fotos vom Aufenthalt auf der Farm gibt's in einer Ansichtssache.
    foto: victoria lainer

    Fotos vom Aufenthalt auf der Farm gibt's in einer Ansichtssache.

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