Graz: Uni-Klinik für Psychotherapie wird aufgelöst

3. Juni 2013, 18:27
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Zerschlagungspläne der Grazer Med-Uni lösen Empörung in Fachkreisen aus

Graz/Wien/Innsbruck - Die Führungsetage der Medizinischen Universität Graz schmiedet Pläne zur Zerschlagung einer universitären Institution: Die "Universitätsklinik für medizinische Psychologie und Psychotherapie" soll im Zuge einer Strukturreform aufgelöst und weitgehend in die Uni- Klinik für Psychiatrie eingegliedert werden. In psychotherapeutischen Fachkreisen haben die Pläne Empörung ausgelöst. Die Pläne seien eine weitere Facette einer "Psychiatrisierung" der Gesellschaft", heißt es.

In einem gemeinsamen Brief an das Rektorat der Grazer Med-Uni sowie den Universitätsrat äußern der Vorstand der Wiener Uni-Klinik für Psychoanalyse, Stephan Doering, der Direktor der Innsbrucker Uni-Klinik für Medizinische Psychologie, Gerhard Schüßler, sowie Wolfgang Söllner vom Psychotherapie-Klinikum in Nürnberg ihre "Bestürzung" über das Vorhaben der Grazer Med-Uni. Für die Versorgung von Patienten mit psychosomatischen und soma-psychischen Störungen sei die Psychotherapie " die wesentliche Behandlungsform". Das habe nichts mit einer " psychiatrischen Versorgung" zu tun, heißt es im Protestbrief.

In diese Richtung argumentiert auch der Leiter der Onkologie an der Grazer Med-Uni, Hellmut Samonigg. "Ich bin der Überzeugung, dass die medizinische Psychologie und die Psychotherapie keine psychiatrische Entität ist, die Psychiatrie ist auf diesem Gebiet einfach nicht beheimatet. Ein Drittel unserer Patienten benötigt aufgrund der hohen psychischen Belastung der Erkrankungen eine psychologische oder psychotherapeutische Betreuung. Das heißt aber nicht, dass sie deswegen psychisch krank sind. Patienten dürfen nicht stigmatisiert werden. Es wäre fatal, wenn Patienten mit einem ganz normalen menschlichen Leid zum Psychiater geschickt werden", kritisiert der Grazer Krebsspezialist.

Walter Pieringer, der federführend am Aufbau der Grazer Uniklinik beteiligt war, erinnert daran, dass die Klinik 1968 in Österreich ein Novum gewesen sei. Pieringer: "Nach den Wirrnissen der NS-Zeit war dies der erste Versuch, psychologische und humanwissenschaftliche Perspektiven in der Medizin wieder zu verankern", sagt Pieringer. Gerhard Schüßler von der Innsbrucker Med-Uni ist über den aktuellen Fall hinausgehend der Ansicht, dass auch ökonomische Interessen eine wesentliche Rolle spielen, zumal immer mehr aktuelle psychotherapeutische Behandlungsfelder wie Stress, Burn-out oder Panikattacken auch für die Psychiatrie samt medikamentösen Behandlungsmethoden interessant werden. Im neuen "Handbuch für psychiatrische Störungen" (DSM) werde ja bereist eine längere Trauer als " psychische Krankheit" bewertet.

Der Rektor der Med-Uni, Josef Smolle, versucht zu kalmieren. Es sei schon richtig, das die Uni-Klinik in der Form nicht mehr bestehen werde, aber es gehe vor allem darum, "Doppelgleisigkeiten zu vermeiden". Vorbehalte gegen "die Psychiatrie" möchte Smolle zerstreuen. Smolle: " Die Psychotherapie hat auch unter Psychiatern einen hohen Stellenwert. Die Psychiatrie hat sich da ganz gewaltig weiterentwickelt." (Walter Müller, DER STANDARD, 4.6.2013)

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    Normale Reaktionen auf psychische Belastungen wie Stress oder Trauer gelten bisweilen bereits als "psychiatrische Störung".

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