Gusenbauer ist für die SPÖ untragbar geworden

Kommentar der anderen3. Juni 2013, 18:16
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Man kann nicht Vizepräsident der Sozialistischen Internationale sein und gleichzeitig Despoten und Glücksspielkonzerne beraten

Bis vor kurzem noch hätte ich es nicht für möglich gehalten, dass in der österreichischen Innenpolitik etwas passieren könnte, das mich tatsächlich fassungslos machen würde. Ich dachte, dass wir bereits durch alle Niederungen der moralischen Inferiorität gegangen wären, eine Überbietung des schon Dagewesenen war für mich nicht vorstellbar. Nun aber belehrt uns ein österreichischer Ex-Bundeskanzler mit einer Höchstleistung an Werteflexibilität eines Schlechteren.

Alfred Gusenbauer begann als SPÖ-Linker, war einer der führenden Köpfe der Friedensbewegung, trat für einen dritten Weg zwischen Kapitalismus und Kommunismus ein, sprach auf Otto-Bauer-Symposien und so weiter. Natürlich verstand man, dass er als SPÖ-Vorsitzender und später als Bundeskanzler keine solchen radikalen Politikkonzepte vertreten konnte wie in seiner Jugend. Aber schon damals klang vieles, was er so sagte - Stichwort "soziale Leistungsgesellschaft" - für einen führenden Sozialdemokraten doch etwas seltsam.

Dennoch dachte ich damals, dass man den Mann noch im weitesten Sinn in einen sozialdemokratischen Kontext einordnen konnte. Warum? Ich glaube, es war wohl nur so ein Gefühl, und Gefühle täuschen bekanntlich oft.

Nachdem sich Alfred Gusenbauer nun entschlossen hat, sein Geld durch das Herumsitzen in diversen Aufsichtsräten zu verdienen, und am Ende auch noch den Glücksspielkonzern Novomatik dabei unterstützen wird, die kleinen Leute an bunt blinkende Automaten zu locken, an denen ihnen dann ihr weniges Geld aus der Tasche gezogen wird, ist es nun aber endgültig vorbei mit täuschenden Gefühlen und aus sentimentalen Erinnerungen gespeister Nachsichtigkeit. Was zu viel ist, ist zu viel. Was Gusenbauer heute macht, ist mit einer sozialdemokratischen Gesinnung, selbst der heute regierenden Sozialdemokratie light, nicht mehr zu vereinbaren. Und es ist verdammt noch einmal auch nicht Gusenbauers Privatsache, was er da tut. Denn die private und die öffentliche Person eines wenn auch Ex- Politikers ist nur am theoretischen Reißbrett trennbar, nicht in der Realität des gesellschaftlichen Lebens. Moralische Haltungen sind nicht beliebig teilbar. Man kann nicht als Vizepräsident der Sozialistischen Internationale Resolutionen gegen den Finanzkapitalismus unterschreiben und im "privaten" Leben als Berater von Glücksspielkonzernen fungieren. Das geht nicht zusammen, und ein solch inkonsistentes, im negativen Sinn flexibles Verhalten fällt am Ende nicht nur Alfred Gusenbauer auf den Kopf, sondern der ganzen Sozialdemokratie.

Weil ich ein alter Aristoteliker bin, möchte ich Alfred Gusenbauer aber hier keine moralischen Ratschläge geben, denn mit dem großen Philosophen bin ich davon überzeugt, dass nur, wer sich tugendhaft verhält, sich auch eines glücklichen Lebens erfreuen kann. Und nachdem Gusenbauer offensichtlich tugendhaftes Verhalten fremd ist, ist er damit ohnehin genug gestraft. Aber der österreichischen Sozialdemokratie ist zu raten, und zwar Folgendes:

Entfernt den Mann, der seine Identitäten und Charaktermasken zu wechseln versteht, wie er es gerade braucht, aus all seinen Funktionen, die er noch hat, und distanziert euch von seinem Engagement zumindest für Glücksspielkonzerne und Despoten. Tut ihr es nicht, wird das nämlich bei den kommenden Wahlen Stimmen kosten, zumindest meine. (Bernhard Heinzlmaier, DER STANDARD, 4.6.2013)

Bernhard Heinzlmaier ist Mitbegründer des Österreichischen Instituts für Jugendkulturforschung. Er leitet die tfactory-Trendagentur in Hamburg.

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