Kreativ, bockig, routiniert: Wie die Anrainer mit dem steigenden Donau-Pegel umgehen

Reportage3. Juni 2013, 22:53
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In Melk überflutete das Hochwasser die Baustelle für den neuen Hochwasserschutz - In Kritzendorf wehrten sich eingeschlossene Bewohner gegen die Evakuierung

Noch einen Verlängerten, bitte! Im Keller steht das Wasser, die Schankanlage geht nicht, und das WC können die Gäste auch nicht mehr benutzen, aber im Kaffeehaus am Melker Hauptplatz lässt man sich vom steigenden Wasserpegel nicht stressen. Vor der Tür stapeln sich die Sandsäcke, und die Feuerwehr wird schon kommen, wenn's brenzlig wird. Ein paar Meter weiter hat der örtliche Fleischhauer aus der Not eine Tugend gemacht: Die Sandsäcke wurden zur Theke umfunktioniert, die Leberkässemmeln finden reißenden Absatz.

In Melk hat man Hochwasser-Routine. Schon 2002 war der 5000-Einwohner-Ort am rechten Donauufer überflutet, am Montag konnte man dem Wasser erneut beim Steigen zusehen, wo ansonsten Autos fahren oder Schanigärten aufgebaut sind.

Hochwasserschutz in Melk unter Wasser

In der Nacht auf Dienstag verlagerten sich Pegel-Höchststände von Oberösterreich - dort wurden besonders Schärding, Linz und Grein arg in Mitleidenschaft gezogen - donauabwärts Richtung Niederösterreich. Dass in Melk ausgerechnet jetzt die Donau über das Ufer tritt, ist doppelt bitter: Erst vor wenigen Monaten wurde damit begonnen, einen neuen Hochwasserschutz zu errichten, Kostenpunkt: zehn Millionen Euro. "Hätten wir den schon, dann stünden wir jetzt im Trockenen", sagte Bürgermeister Thomas Widrich (VP) am Montagvormittag dem STANDARD. Dabei wurde das Projekt sogar vorgereiht, der Spatenstich erfolgte wenige Wochen vor der Landtagswahl im März.

Jetzt ist die ganze Baustelle unter dem Wasser verschwunden, und Bürgermeister Widrich graut davor, was er vorfinden wird, wenn die Brühe wieder abgeronnen ist. "Wir wissen jedenfalls, dass uns das im Zeitplan deutlich zurückwirft, von den Kosten ganz zu schweigen." Die Flut sei "ein halbes Jahr zu früh gekommen", sollte einige Stunden später Landeshauptmann Erwin Pröll (VP) bei einem Lokalaugenschein in Melk feststellen.

Pumpen in der Altstadt

Wohin sich der Wasserspiegel noch bewegt? Der Feuerwehrmann zeigt 20, 30 Meter straßenaufwärts zur Pfarrkirche. Das Wasser, das jetzt schon über die Straße läuft, kommt aus einer der zahllosen Pumpen, die in den Kellern der Melker Altstadt aufgestellt wurden. In den einen oder anderen Keller haben die Feuerwehrleute schon den Statiker geschickt, die Feuchtigkeit bringt Einsturzgefahr.

Melk ist schon seit Sonntag Hochwasser-Hotspot, gleichzeitig verschärfte sich die Situation in der gesamten Wachau bis flussabwärts nach Kritzendorf bei Klosterneuburg. Dort stieg Montagmittag eine Frau aus einem Feuerwehrboot, das gerade bis ans Ende einer Allee gefahren ist, auf der sonst Pkws zum Strandbad rollen. Die Dame hatte soeben ihr Haus in der Strombad-Siedlung verlassen. "Bis hierher ist das Wasser gestanden", sagte sie dem STANDARD, die Hand auf Brusthöhe haltend.

"Sind kein Shuttleservice"

Fünf bis sechs solcher Rettungsaktionen hatte die Feuerwehr Kritzendorf bis Montagmittag laut Kommandant Peter Dussmann absolviert. Eine mehr hätte es sein sollen: Die via Telefon angeforderten Helfer seien aber wieder weggeschickt worden. "Die Bewohner haben gesagt, wir sollen in zwei Stunden wiederkommen", ärgert sich Dussmann. "Wir sind kein Shuttleservice. Meine Leute sind wegen der starken Strömung jedes Mal in Lebensgefahr, wenn sie da hinüberfahren."

Die Feuerwehr schätzte, dass sich noch rund 30 Leute in der von der Außenwelt abgeschnittenen Siedlung aufhielten. Christina Hauser ist dagegen schon am Freitag aus ihrem Haus ausgezogen. "Wenn man beim Strandbad lebt, muss man wissen, dass das passieren wird", sagt sie. Aber auch die Hauptstraße entlang weiter Richtung Norden häuften die Feuerwehrleute Sandsäcke auf, um eine Bahnunterführung abzudichten und das Wasser von Wohnhäusern fernzuhalten.

Zivilschutzalarm in Weißenkirchen

Sabine Jelinek hat ihre roten Regenstiefel angezogen und ist ans Donauufer gestapft, um sich von der Hochwasserlage ein Bild zu machen. Noch steht das Wasser unter der Hochwassermarke von 2002, aber: "Es ist heftig", urteilt sie. "Mein Freund ist Ur-Kritzendorfer. Der hat schon 50 Hochwasser erlebt. Auch er sagt, dass es diesmal schlimm ist."

Dem würden wohl auch die Einwohner diverser Wachau-Gemeinden zustimmen. So wurde in Weißenkirchen am frühen Abend Zivilschutzalarm ausgelöst, 450 Menschen mussten ihre Häuser verlassen; in Krems war dies vorerst nicht der Fall. Im nahe gelegenen Emmersdorf stand das Wasser schon am Montagnachmittag im Ortszentrum bis in den ersten Stock. Am Dienstag beschließt die Landesregierung zehn Millionen Euro Soforthilfe. (DER STANDARD, 4.6.2013)

  • In Melk sind die Bewohner an Hochwasser gewöhnt. Manche Ortsteile sind nur mit Zillen zu erreichen.
    foto: der standard/helmut wurzer

    In Melk sind die Bewohner an Hochwasser gewöhnt. Manche Ortsteile sind nur mit Zillen zu erreichen.

  • In Kritzendorf bei Klosterneuburg sind ebenfalls zahlreiche Straßenverbindungen überschwemmt.
    foto: der standard/christian fischer

    In Kritzendorf bei Klosterneuburg sind ebenfalls zahlreiche Straßenverbindungen überschwemmt.

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    Und auch in Linz haben sich im Lauf des Montags die Pegelstände deutlich erhöht - im Hintergrund ist das Kunstmuseum Lentos zu sehen.

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