"Diese Probleme kann man nicht mit Geld lösen"

Interview4. Juni 2013, 05:30
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Der Ökonom Reuven Brenner kritisiert, dass zu wenige Lehren aus der globalen Bankenkrise gezogen wurden

Welche Rolle China in der Bankenkrise spielte und warum die Notenbanken wenig zum Wohlstand beitragen können, erklärt Reuven Brenner im Gespräch mit DER STANDARD.

STANDARD: Seit fünf Jahren stemmen sich die Zentralbanken gegen die Folgen der Finanzkrise von 2008. Bringt das wieder Stabilität?

Brenner: Nein. Die Zentralbanken und Regierungen selbst sind Quellen großer Unsicherheit. Wenn sie heute Stabilität versprechen wollen, ist das Unsinn. Die Krise hat sich nicht über Nacht ereignet. In den vergangenen zwanzig Jahren wurden Fehler und Fehlentscheidungen akkumuliert. Dazu gehörten auch zu niedrige Zinsen der Notenbanken. Reichliches Kapital hat viele Fehler verdeckt.

STANDARD: Die Zinsen sind heute aber noch niedriger und die Notenbanken, gerade in den USA und Japan, kaufen zusätzlich Anleihen, betreiben also die "quantitative Lockerung".

Brenner: Quantitative Lockerung dient nur zur Verschleierung. Es geht in Wirklichkeit um eine massive Umverteilung, weg von den Sparern. Das trifft vor allem Ältere, die nur wenig Ertrag auf ihr Erspartes erwarten dürfen. Die Fed macht de facto Fiskalpolitik, so wie zwischen 1940 und 1951, als die Notenbank vom Finanzministerium eingespannt wurde, um Anleihen zu kaufen. Die Fed schafft keinen Wohlstand, sie verteilt nur um.

STANDARD: Wie könnte man aktuell für Wohlstand sorgen?

Brenner: Wenn ein Land wirtschaftlich erfolgreich sein will, dann muss es drei Dinge zusammenbringen: Kapital, Talente und Verantwortlichkeit. Das ist wichtig: Alle müssen für ihre Handlungen haftbar sein. Doch wir haben die Voraussetzungen für globales Wachstum heute leider nicht.

STANDARD: Warum nicht?

Brenner: Normalerweise würde das Geld von der älteren an die jüngere Bevölkerung fließen, etwa innerhalb der Familie. Bei den Jüngeren liegt schließlich das Wachstum, die neuen Ideen. Doch stellen Sie sich zwei Dörfer vor, eines mit der älteren und eines mit der jüngeren Bevölkerung, den Schwellenländern. Wenn die Jungen in einem unsicheren System leben, etwa unter einem Diktator, dann fließt das Geld in die falsche Richtung, zu den älteren Gesellschaften. Weil sie stabiler sind. Das ist ja passiert, als China und Indien mit ihren Währungsreserven massiv in den USA oder Europa investiert haben. Doch in den älteren Gesellschaften werden die Investitionen immer weniger produktiv, weil die demografische Entwicklung zu weniger Wachstum führt. Diese Kapitalflüsse sind pervers. Aus diesem Problem gibt es nur zwei Auswege: Entweder bekommen die Jungen ihr politisches System wieder in Ordnung und investieren in ihre eigene Entwicklung, oder die Älteren lassen die Jungen zuziehen.

STANDARD: Aber die Kapitalflüsse waren auch gewollt. China etwa hat jahrelang ein exportgetriebenes Wachstumsmodell verfolgt und hohe Kapitalüberschüsse erzielt.

Brenner: Aber was macht das für einen Sinn in einer Welt, in der noch eine Milliarde Chinesen relativ arm sind? Offenbar hat sich das Land intern viel zu wenig geöffnet. China hat ein Exportmodell verfolgt und war nicht bereit, sein politisches System dergestalt umzubauen, dass eine breite Mittelschicht gefördert wird. Das hätte ja den Machtanspruch der Kommunistischen Partei zerstört.

STANDARD: Ist Chinas Staatskapitalismus nicht ein Erfolgsmodell?

Brenner: Das ist kein Kapitalismus. Die chinesischen Kapitalmärkte sind ja geschlossen. Bis heute sind die 15 chinesischen Großbanken unter dem Einfluss der Regierung und sind für die Kreditvergabe verantwortlich. Man kann den Menschen eine Stimme bei der Wahl geben, aber wenn Menschen nicht zu Unternehmern werden können, ohne dass sie sich an die Regierung wenden, haben sie ein enormes Problem. Nur wenn sie die Kapitalmärkte öffnen, verstreut sich die Macht.

STANDARD: Aber die japanische Zentralbank ist gerade dabei, die Wirtschaft mit Geld zu fluten, um wieder für Wachstum zu sorgen.

Brenner: Japan kann seine Probleme nicht mit Geld lösen. Das sind echte Probleme, die demografische Pyramide wird nicht mit Geld aufgebaut. Dazu kommt, dass die japanische Gesellschaft fremdenfeindlich ist und Immigration daher kein Thema ist.

STANDARD: Japan hat seit 20 Jahren ein chronisches Problem mit seinen Banken. Hätten die USA und Europa anders mit der Bankenkrise umgehen müssen?

Brenner: Es war leider nötig, die Banken in der akuten Krise zu unterstützen. Aber danach hätte man sie reformieren müssen, auch personell. Die Banker haben sich ja in der Krise darauf ausgeredet, dass sie die Risiken nicht verstanden haben - wieso sie also dann nicht hinausschmeißen? Passiert ist leider das Gegenteil: Die kleinen Banken verschwinden, und die Riesen wie die US-Bank Citigroup, die jeden erdenklichen Fehler begangen haben, wachsen weiter. Kredit kommt ja von "credere", vertrauen. Leider wurde die Struktur der Banken nicht geändert, um das Vertrauen wiederherzustellen. Das ist ein schwerwiegendes Problem. Viele Leute sind nach wie vor verunsichert. (Lukas Sustala, DER STANDARD, 4.6.2013)

Reuven Brenner (66) ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der kanadischen McGill University. Der gebürtige Rumäne emigrierte zunächst nach Israel und diente dort zwischen 1966 und 1969 in der Armee. Später zog er nach Kanada. Brenner ist Autor zahlreicher Bücher zu Finanzmärkten, Kapitalismus und Glücksspiel. Er war auf Einladung der Wirtschaftsuniversität Wien bei der Konferenz "Random Riches".

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    Die Quantitative Lockerung (QE3) der US-Notenbank als "Verschleierung" einer Umverteilung.

  • Reuven Brenner: "Das ist kein Kapitalismus. Die chinesischen Kapitalmärkte sind ja geschlossen."
    foto: mcgill university

    Reuven Brenner: "Das ist kein Kapitalismus. Die chinesischen Kapitalmärkte sind ja geschlossen."

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