Assange, ein Fall für die Diplomatie

3. Juni 2013, 18:26
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Wikileaks-Chef seit einem Jahr in Ecuadors Botschaft

Seit knapp einem Jahr beansprucht Julian Assange die Gastfreundschaft Ecuadors. Der Wikileaks-Gründer, dem in Schweden Sexualdelikte zur Last gelegt werden, lebt als Asylbewerber in der Botschaft des südamerikanischen Landes. Dort will ihn Außenminister Ricardo Patino demnächst besuchen. Außerdem hofft Ecuadors Chefdiplomat auf ein Gespräch mit seinem britischen Amtskollegen William Hague. Ein Sprecher des Foreign Office: "Wir denken darüber nach."

Den Australier Assange (41) verdächtigt die US-Justiz, er sei der Anstifter zu Bradley Mannings angeblichem Geheimnisverrat. Der junge Soldat hatte jene Akten kopiert, die seit Jahren weltweit für Aufregung sorgen. Unter anderem wurde die US-Botschafterin in Quito auf der Grundlage eines solchen Dokuments ausgewiesen, weil sie Kritik an Ecuadors Regierung geäußert hatte.

Assange suchte aber nicht vor einem amerikanischen Auslieferungsbegehen Zuflucht, sondern vor der Justiz des britischen EU-Partners Schweden. Dort wird dem Internet-Aktivisten sexuelle Nötigung sowie ein Fall von " minderschwerer Vergewaltigung" zur Last gelegt. Die angeblichen Delikte an zwei früheren Sympathisantinnen geschahen während Assanges Aufenthalt in Stockholm im Sommer 2010. In einer unautorisierten Biografie beschrieb der selbsternannte Vorkämpfer für die Datenfreiheit die Begegnungen als konsensualen Sex: "Ich habe diese Frauen nicht vergewaltigt."

Schweden hat keine Anklageschrift vorgelegt, sondern mittels des EU- Haftbefehls von den Briten Assanges Auslieferung verlangt, was der Londoner Supreme Court mehrheitlich für rechtens hält.

Patino und Hague fällt nun die wenig beneidenswerte Aufgabe zu, einen Ausweg aus der verzwickten Lage zu finden. (Sebastian Borger, DER STANDARD, 4.6.2013)

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