Inselspringen mit Leibniz im Kopf

3. Juni 2013, 17:07
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Zur Eröffnung der vierten "KunstFestSpiele Herrenhausen" in Hannover gab es nicht nur Architektenworte zu bestaunen, sondern Oper zu genießen

Der ganze Stolz des Herrenhausener Barockgartens war bis vor kurzem ein Wasserstrahl. Eine mächtige Fontäne bäumt sich bei schönem Wetter 36 Meter hoch in den Himmel. Auch der Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz nahm einst regen Anteil am Zustandekommen der flüssigen Skulptur. Ein System von Kurbelwellen geht auf den Philosophen zurück, der sich obendrein mit dem Münzrecht und der Infinitesimalrechnung beschäftigte.

Heute beherbergt der älteste intakte Barockgarten Deutschlands (seit circa 1700) die Kunstfestspiele Herrenhausen. An der Stirnseite der geometrischen Anlage wurde das alte Schloss der Welfen wiederaufgebaut. Die deutsche Volkswagenstiftung pumpte ordentlich Geld in die Revitalisierung des Bauwerks, das den Verheerungen des Krieges zum Opfer gefallen war.

Die Wienerin Elisabeth Schweeger leitet zum vierten Mal das eigentliche Festival. Unter ihrer Ägide wird die Gartenlandschaft in ein Futteral verwandelt. Hinter dem etwas schwammigen Titel Heimat Utopie verbirgt sich eine Vielzahl von Interventionen, die das Erbe des alten Leibniz in eine ungewisse Zukunft hinüberheben soll. Als Hubwerk dient die "Neue Musik". Klanginstallationen verwandeln das Galerie-Gebäude in eine tönende Versuchsanstalt.

Dafür liegen auf dem getrimmten Rasen Teppiche aus (Hochschule Hannover): Die der Gartenkunst entlehnten Ornamente finden heim ins Grüne. Beherzte Spaziergänger können Händel-Droschken an den Holmen packen und die luftigen Gefährte im Kreis herumdrehen. Je nach Geschwindigkeit fällt die Musik in ein langsames oder überstürztes Tempo. Vor der Stirnseite des wiederhergestellten Schlosses stehen fünf Kuckucksuhren. Die aufmüpfigen Vögel schmettern als aufrechte Republikaner die Marseillaise.

Die Objekte des Klanginstallateurs Erwin Stache eignen sich hervorragend als Türöffner. Den eigentlichen Auftakt bildete eine Oper des Komponisten José María Sánchez-Verdú. Atlas - Inseln der Utopie nennt sich ein szenisches Gebilde, das die klassische Sitzordnung des Opernhauses aufsprengt. Aus lauter "Nicht-Orten" ist die Spielfläche zusammengesetzt. Wie Klanginseln ankern Podeste mit Sängern und Musikern vor den Wänden der Herrenhausener Barockgalerie.

Kunsthistorisch spät, aber doch schlägt wieder einmal die Stunde des Flaneurs. Liegende, sanft dissonierende Töne umschmeicheln den Besucher. Dieser fühlt sich von einer Hüllmasse getragen und in die Finsternis fortgezogen. Fünf Sängerinnen und Sänger intonieren überwiegend Silben, laut Programmzettel verbergen sich dahinter Textstücke von Platon, Thomas Morus oder Hölderlin.

Tut nichts zur Sache. Durch kleinste Verschiebungen im Gefüge entsteht ein unmittelbar wirksamer Sog. Regisseurin Sabrina Hölzer, nach der Premiere mit dem Belmont-Preis ausgezeichnet (20.000 Euro), steckt eine Sopranistin in eine Glasvitrine. Bei anderer Gelegenheit erstrahlt ein kleiner Farnwald wie ein naturkundliches Präparat.

Ein Basssaxofonist (Andrés Gomis Mora) wird auf einem archaisch beleuchteten Stellwagen durch den Saal gezogen. Das Solistenensemble Kaleidoskop unter der Leitung des Komponisten taumelt uraufführend von Wohlklang zu Wohlklang. Irritierend wirkt allenfalls das ozeanische Trägheitsgefühl, das den Zuschauer unwillkürlich beschleicht. Ein Inselspringen kann auch behäbig sein. Die "Nicht-Orte" der Utopie blieben einigermaßen im Dunkeln. Eher schon fühlte man sich an die seit langem verflossenen 1980er-Jahre erinnert. Was ja manchmal auch guttut.

Dazu passte - im besten Sinn - die Eröffnungsrede von Stararchitekt Wolf D. Prix (Coop Himmelb(l)au). Von Schweeger gerufen, den Hannoveraner Geldgebern ins Gewissen zu reden, benannte der Baukünstler "die Angst als das vorherrschende Gefühl" unserer Tage. Österreich kam als " Zwergpudelland" vor. In Hannover jedenfalls wurde Schweegers Vertrag verlängert. Dort schätzt man Rassetiere aus dem Nachbarland. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 4.6.2013)

  • Ein Parcours diffus ozeanischer Wohlgefühle: die Operninstallation " Atlas - Inseln der Utopie" von José María Sánchez-Verdú, zu Gehör gebracht im Barocksaal der Herrenhausener Galerie.
    foto: krückeberg

    Ein Parcours diffus ozeanischer Wohlgefühle: die Operninstallation " Atlas - Inseln der Utopie" von José María Sánchez-Verdú, zu Gehör gebracht im Barocksaal der Herrenhausener Galerie.

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