Gequetschte Häuser, brennende Wohnungen

3. Juni 2013, 17:07
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Die Ausstellung "HEIMsuchung" im Kunstmuseum Bonn lädt zum Rundgang durch unsichere Räume

Bonn - Manchmal liefert der Zufall das Tüpfelchen auf dem i: Wer sich dem Kunstmuseum Bonn von der Rückseite aus nähert, kommt zwangsläufig an dem 20 Meter langen, irokesischen Langhaus vorbei, das als Teil der Ausstellung über die nordamerikanischen Ureinwohner in der Bundeskunsthalle aufgebaut wurde. Die fensterlosen Wände aus Fichtenrinde lassen das Gebäude skurril, archaisch, bedrohlich, kurz: unwirtlich erscheinen. Es würde somit perfekt in die Ausstellung HEIMsuchung passen, die nun im Kunstmuseum eröffnet wurde - schließlich beschäftigt die sich mit "unsicheren Räumen in der Kunst der Gegenwart".

Doch wer den Parcours aus Fotografien, Filmen, Modellen, Skulpturen und Rauminstallationen mit all ihren Bedrohungen hinter sich hat, der wird das Indianerhaus als geradezu idyllisch und heimelig empfinden.

Dabei beginnt alles noch recht ironisch: Auf der Museumsvorderseite hat der Österreicher Erwin Wurm sein "Narrow House" aufgebaut. Es zeigt das Wurm'sche Elternhaus in Originalhöhe und -länge, allerdings hat er es in der Breite extrem gestaucht. Raumaufteilung, Einrichtung und selbst kleine Details wie Hausschuhe und Besteck sind dem Vorbild nachempfunden, aber bis ins Unbenutzbare gequetscht. Deutlicher kann man seine Abneigung dem Elternhaus gegenüber, indem es einem buchstäblich "zu eng" wurde, kaum ausdrücken.

Apropos zu eng: In der Videoarbeit Die Zuckerdose von Susanne Kutter schauen wir von oben auf eine bieder-gemütliche Nachmittagstee-Stunde, als sich plötzlich eine Wand bewegt und, einer Schrottpresse gleich, die vermeintliche Idylle immer weiter zusammendrückt. Auch in Videoarbeiten anderer Künstler werden Räume in Mitleidenschaft gezogen: Chris Larson hat für Deep North ein Holzhaus im Schnee errichten und innen wie außen vereisen lassen. In seinem Inneren befindet sich eine hölzerne Maschine, an denen drei uniformierte Frauen große Eispflöcke, die wie Panzermunition aussehen, produzieren. In Reynold Reynolds' und Patrick Jolleys Burn breitet sich dagegen Feuer in der Wohnung aus, während die Bewohner teilnahmslos zuschauen.

Einen ausgesprochen zynischen Realitätsbezug hat übrigens Stephan Mörsch. The House in the Middle zeigt u. a. den gleichnamigen "Aufklärungsfilm" aus dem Jahr 1954, in dem die US-Bevölkerung auf einen möglichen atomaren Angriff vorbereitet werden sollte. Dafür wurden in der Wüste drei Häuser errichtet und eine Atombombe auf sie geworfen. Das Haus in der Mitte, das im Gegensatz zu den beiden anderen sauber, aufgeräumt und frisch gestrichen war, überstand den Angriff unbeschadet. Der biedere Spießbürger brauche also bloß sein Haus in Schuss zu halten.

In diesem Zusammenhang gab es auch Anleitungen, wie man sich aus einfachen Haushaltsgegenständen und Möbeln einen Schutzraum bauen könne. Mörsch hat dies im Museum mit Katalogen und Transportkisten umgesetzt. Diesen Verschlag kann der Besucher auch betreten. Im Inneren findet er etwas Proviant, einen Feuerlöscher sowie ein altes Radio. Das empfing beim Presserundgang gerade Nachrichten. Der Sprecher berichtete über die vermeintlichen Giftgas-Angriffe in Syrien, sodass man es für die Dauer eines Wimpernschlages für die perfide Idee des Künstlers halten konnte, Realität und Inszenierung miteinander zu verbinden.

Der wahre Horror befindet sich nicht im, sondern außerhalb des Museums. Gute HEIMfahrt! (Damian Zimmermann, DER STANDARD, 4.6.2013)

  • Entspannen am Kommodenfeuer: Reynold Reynolds' und Patrick Jolleys Videoinstallation "Burn". 
    foto:kunstmuseum bonn

    Entspannen am Kommodenfeuer: Reynold Reynolds' und Patrick Jolleys Videoinstallation "Burn". 

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