Hanseatische Eilsache bei Ebbe

3. Juni 2013, 16:43
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Die Hamburger Insel Neuwerk bekommt oft Post aus Cuxhaven - per Kutsche, die auch Wattwanderer befördert

Manchmal reicht das Wasser den Pferden bis zur Brust. Dann bekommen die acht Passagiere in der ohnehin hoch gebauten Kutsche nasse Füße. Für Kutscher Jan Brütt ist das kein Grund umzukehren. "Erst wenn nur noch die Ohren aus dem Wasser schauen, müssen wir wieder zurück", sagt er und lacht. Doch heute macht das Meer keine Schwierigkeiten. Nur der Wind weht heftig, es herrscht eine steife Brise, wie Brütt sagt, und die drücke das Nordseewasser von der Elbmündung in die Priele.

Wir sind unterwegs auf der wohl eigenartigsten Kutschfahrt, die man in Deutschland machen kann. Mit der Wattenpost kommen wir vom Cuxhavener Stadtteil Duhnen zur Insel Neuwerk, die als dunkle Erhebung am Horizont auszumachen ist. Jan Brütt ist der von der Deutschen Post bestellte offizielle Wattenposthalter, seine Kutsche ist knallgelb und trägt das amtliche Posthorn-Logo.

Bereits Brütts Ururgroßvater war - damals noch von der kaiserlichen Post eingesetzter - Wattenposthalter und als solcher verpflichtet, täglich die weit draußen vor der Küste im Wattenmeer liegende Insel mit Post zu versorgen. 1885 spannte Christian Brütt zwei Ackergäule vor einen Kutschwagen, mit dem er Postsäcke und Pakete, aber auch schon den einen oder anderen Badeurlauber nach Neuwerk brachte. Und obwohl man 1997 dazu überging, die Post mitsamt dem Postler mit einem Ausflugsschiff nach Neuwerk zu bringen, weil das schneller ging, sind die Brütts immer noch die amtlichen Wattenposthalter. Denn das Schiff verkehrt nur bis Oktober, und in den Wintermonaten muss Jan Brütt mindestens zweimal in der Woche die 60 Einwohner von Neuwerk mit Post versorgen.

Fahrzeiten nach den Gezeiten

Längst hat die Familie Brütt Nachahmer gefunden. Bis zu 40 Kutschen steuern, sobald das Hochwasser abzulaufen beginnt, das Wattenmeer an. Ihr Fahrplan ist so originell wie das Unterfangen selbst, denn er sieht täglich andere Abfahrtszeiten vor. Freilich muss er sich nach den Gezeiten richten, die an der Nordsee besonders ausgeprägt sind.

Wagenspuren, die sich tief in den Wattboden eingegraben haben, weisen den Weg. Doch zur Sicherheit ist die Route mit Hunderten von Reisigbüscheln markiert. Die Kutscher brauchen sie eigentlich nicht, sie kennen das Watt wie anderswo Bauern ihre Äcker.

Bei gutem Wetter machen sich auch Hunderte von Wanderern auf, um barfuß die knapp zwölf Kilometer entfernte Insel Neuwerk anzusteuern. Es folgen ihnen die Möwen, die sich begierig auf die im ablaufenden Wasser leicht auszumachenden Mahlzeiten stürzen: An einer Stelle leuchtet das Weiß der unzähligen angeschwemmten Muscheln, und an einer anderen schimmert das Grün der Algen, die einfach in den flachen Rinnen picken blieben.

Biwakschachteln im Watt

Vor uns taucht ein breiter Priel auf, der sich kilometerweit durchs Watt zieht und auch bei Niedrigwasser nie leer wird. "Früher sind wir Kutscher hier stehen geblieben und haben mit dem Peitschenstiel die Wassertiefe geprüft. Heute haben wir hölzerne Markierungen, die uns die Wassertiefe anzeigen", erklärt Brütt. Ganz in der Nähe der Markierungen steht auf einem hohen Stahlgerüst ein eiserner Käfig, eine Rettungsbake. Hier können die Wattwanderer, die vom auflaufenden Wasser überrascht werden, in Sicherheit abwarten. Sechs solcher "Biwakschachteln", wie man sie in den Alpen wohl nennen würde, stehen entlang der Route zwischen dem Festland und der Insel, die jetzt schon zum Greifen vor uns liegt.

Die Pferde haben wieder festen Boden unter den Hufen und passieren ein Schild: "Freie und Hansestadt Hamburg" steht drauf, neben einem übergroßen Wappen der Stadt. Tatsächlich leben die 60 Insulaner offiziell im Hamburger Bezirk Mitte, und das, obwohl ihr Rathaus 120 Kilometer Luftlinie entfernt ist. Zwei Kinder hat der Insellehrer derzeit in seiner Schule, es gibt ein einfaches Gasthaus, einen Greißler, ein paar Pensionen und ein Viersternehotel.

Eine Stunde lässt der Postler seinen Passagieren nun Zeit, um die Insel zu erkunden. Sie wollen vor allem den mächtigen, im 14. Jahrhundert errichteten Turm sehen, der als Bollwerk gegen die Piraten von den Hamburger Kaufleuten finanziert wurde. Wer bis zur Abfahrt nicht pünktlich zurück ist, muss mit dem Schiff zurück nach Cuxhaven fahren - oder eben einfach noch einen Tag länger bleiben in Hamburg Mitte. (Christoph Wendt, DER STANDARD, Album, 1.6.2013)

Informationen: www.wattenpost.de

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    Seit 1880 pünktlich wie der Vollmond: die Cuxhavener Wattenpost, die ihre Abfahrzeiten nach Gezeiten regelt.

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