Rundschau: William Shatner schlägt zurück

    Ansichtssache29. Juni 2013, 10:13
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    Fantastische Trips mit George R. R. Martin, Frank Hebben, Jay Lake, E. C. Tubb, China Miéville und Carlton Mellick III

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    coverfoto: heyne

    George R. R. Martin: "Planetenwanderer"

    Broschiert, 512 Seiten, € 15,50, Heyne 2013 (Original: "Tuf Voyaging", 1986)

    Und wieder schließt sich ein Kreis. Die Originalversion von "Planetenwanderer" war seinerzeit das erste englischsprachige Buch, das ich für die Rundschau rezensiert habe (hier die Nachlese). Damals noch ein Experiment - manche Medien rezensieren prinzipiell keine fremdsprachigen Werke -, das aber rasch Anklang gefunden hat. War aber auch ein Einstieg, der's einem leicht gemacht hat: Großartiges Buch!

    Wenn sich seit damals etwas verändert hat, dann der Umstand, dass George R. R. Martin heute noch mehr mit dem "Lied von Eis und Feuer" bzw. "Game of Thrones" identifiziert wird. Und letztlich ist der Erfolg der Serie ja auch dafür verantwortlich, dass Martins Name zugkräftig genug geworden ist, um auch mal ganz was Anderes aus seinem Schaffen für den deutschsprachigen Markt aufzubereiten. Wie diese lose zu einem Roman gekoppelte Ansammlung von SF-Kurzgeschichten, die in ihren Einzelteilen bis Mitte der 70er Jahre zurückreicht.

    Zur Ausgangslage

    Hauptfigur Haviland Tuf wird uns als interstellarer Frachterkapitän ohne Kundschaft vorgestellt. Rasch zeichnet sich ab, dass seine geschäftliche Erfolglosigkeit an seiner einzigartigen Persönlichkeit liegen dürfte. Also jener Unbestechlichkeit - oder vielleicht sollte man sagen: Unbeeinflussbarkeit -, mit der er alle Menschen, die mit ihm zu tun haben, in den Wahnsinn treibt. Bis auf die LeserInnen natürlich, die dürfen sich darüber königlich amüsieren.

    Tufs wirtschaftliche Verhältnisse wenden sich exorbitant zum Besseren, als ihn einige Glücksritter für die Suche nach einem ganz besonderen Schatz anheuern: Dem letzten erhalten gebliebenen Saatschiff des vor 1.000 Jahren untergegangenen Ökologischen Ingenieurskorps. Die Eröffnungsepisode "Der Seuchenstern" schildert mit viel schwarzem Humor, wie die raffgierigen Schatzsucher einer nach dem anderen zu Tode kommen und Tuf schließlich als Alleinerbe der "Arche" dasteht: Eines 30 Kilometer langen Klotzes voller Zellbibliotheken und Klonkammern, in dem so ziemlich jede bekannte Spezies vom Tier bis zum Virus nachgezüchtet werden kann. Ursprünglich eigentlich als Mittel der biologischen Kriegsführung gedacht, lässt sich dieses Arsenal auch für gute Zwecke einsetzen. Und Tuf legt los.

    Und immer wieder S'uthlam

    Tuf wird unter anderem einen falschen biblischen Propheten enttarnen, indem er Plagen gegen Plagen ins Feld führt, einen Bio-Krieg auf einer Welt entfesseln, die in Wahrheit etwas mehr ökologische Einsicht bräuchte, sowie die widerwärtigen Tierkämpfe beenden, die von BewohnerInnen eines dritten Planeten veranstaltet werden. Das ist ganz im Stil von Old-School-SF Mitte des 20. Jahrhunderts geschrieben: Schelmenstücke à la Jack Vances Magnus-Ridolph-Stories mit Humor, überraschenden Twists und einem Ansatz von erhobenem moralischen Zeigefinger. Da liegt auch ein kleines bisschen Terry Pratchett in der Luft.

    Eine besondere Rolle nimmt der horrend überbevölkerte Planet S'uthlam ein, den Tuf insgesamt dreimal in ebensovielen Episoden besucht. Dabei trifft er auf die einzige Person, die ihm Paroli bieten kann: Tolly Mune alias "Ma Spider", die Leiterin des Orbitalhafens und spätere Herrscherin von S'uthlam; jähzornig, gemein, mit rauem Humor, erschreckend kompetent, allgegenwärtig, unverwüstlich, so groß wie eine Naturgewalt und doppelt so bösartig. Die Dialoge zwischen den beiden ... Kontrahenten? Verbündeten? Freunden? ... sprühen derart vor Esprit, dass es eine wahre Freude zu lesen ist.

    Martin'sche Moral

    Interessanterweise habe ich die Konstellation Tuf-Mune diesmal genau umgekehrt zum letzten Mal gelesen. Ma Spider, die mindestens so hart wie ihre weltraumstrahlungsgegerbte Haut ist, machte diesmal für mich von Anfang an den Eindruck einer rundum positiven Figur. Wenn auch einer, die sich aus den kulturellen Vorstellungen, die ihre Heimatwelt zu Grunde richten, nicht lösen kann.

    Den ursprünglichen Sympathieträger Tuf hingegen habe ich diesmal - wohl auch in Erinnerung an seine spätere Entwicklung - schon früh eher skeptisch gesehen. Er hat zwar de facto immer recht - doch rein menschlich bleibt er so kalt wie das Vakuum. Tausende sterben auf dem Wasserplaneten Namor, während Tuf behutsam ökologischen Recherchen nachgeht. Diese erweisen sich zwar als notwendig, aber rechtfertigt dies, dass Tuf keinerlei Betroffenheit erkennen lässt?

    Im Lauf der Episoden wirkt Tuf immer unheimlicher. Er hält einen Menschen, der ihn aus nachvollziehbaren Gründen attackiert hat, als Sklaven, zerstört Kulturen "zu ihrem Besten" und sieht sich selbst immer mehr in der Rolle eines Gottes; zuletzt wird er dies sogar offen aussprechen. Die Ambivalenz der beiden Hauptfiguren - einer, die Probleme auf eine unmenschliche Weise löst, und einer, die menschlich bleibt, aber an den Problemen scheitert - macht "Planetenwanderer" zu mehr als nur einer Aneinanderreihung humorvoller Abenteuer. Und ist zugleich so typisch für George R. R. Martin, wie es nur geht: Niemand ist vollkommen gut, niemand vollkommen schlecht.

    Ausgabe mit ein paar Problemen

    Faszinierend, dass es eine deutsche Ausgabe wieder mal schafft, doppelt so dick zu sein wie eine englischsprachige - und das, obwohl weder die ausführliche Martin-Bibliografie noch die vielen wunderbaren Innenillustrationen enthalten sind, mit denen die Meisha-Merlin-Ausgabe von 2003 glänzte. Dein Buchregal wird es dir nicht danken.

    Im übertragenen Sinne ebenso schwer ins Gewicht fällt ein sprachliches Manko. Verblüfft habe ich festgestellt, dass ich über einige extra-pointierte Passagen, an denen ich mich im Original ergötzt und sie zum Zitieren notiert hatte, diesmal einfach drübergelesen habe. Das Nachblättern ergab im ersten dieser Fälle eine schlampige Übersetzung. Bald darauf bin ich über einen inhaltlichen Widerspruch gestolpert, und siehe da: Der gepanzerte goldene Riese war in Wahrheit ein armored giant of old (ohne "g").

    Das ist ärgerlich, und da das Buch ohnehin so sehr von seinen geschliffenen Dialogen lebt, würde ich eher den Kauf der Originalausgabe empfehlen. Die von Meisha Merlin wird nur noch mit viel Glück in irgendwelchen Online-Antiquariaten aufzutreiben sein, aber im Jänner ist eine neue Ausgabe bei Bantam Books erschienen. Freut euch und kauft!

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