Meine Vorfahren: In Zeiten des Gemetzels und der Sommerfrische

    Glosse3. Juni 2013, 11:08
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    Meine Vorschatten kommen aus Dörfern, sind kleine Bauern, Handwerker und Händler. Sie irren über den Balkan und darüber hinaus, getrieben von Kräften, die größer sind als ihre kleinen, unbedeutenden und beschwerlichen Leben

    Manche sagen, der Name des Gassengewirrs unterhalb der Kaunitzgasse, Ratznstadl, komme von einer Rattenplage. Andere sagen, hier hätten Serben gelebt, die man damals Ratzn nennt. Wahrscheinlich stimmt beides. Mir ist es egal. Mein Vater ist halb Serbe und halb Donauschwabe, meine Mutter halb Donauschwäbin und halb Kroatin, womit Balkanskys genetisches Zentrum Slawonien ist, wo diese Mischung üblicherweise herkommt.

    Slavonijo, tko te nije volio?

    Doch Slawonien ist ein Trampelpfad der Völker, Religionen und Kriege. Die Mischung verhindert keine Tragödien in Zeiten des Metzelns. Und damals, in den 1960er-Jahren, als auch ich eines bin, spielen alle Kinder "Partisanen und Deutsche". Als Büttel der Okkupatoren tauchen noch Ustaše und Četnici auf. Meine Vorfahren sind alles: Domobrani, Ustaše, Četnici, Partizani, und ein Cousin meiner Großmutter ist sogar deutsch genug, um in der Wehrmacht zu sein. Freiwillig.

    Das Einzige, was die Serben vom Ratznstadl mit den Serben in meiner Familie gemeinsam haben, ist, dass sie verschwunden sind. Zwischen Kaunitzgasse und dem Wienfluss leben heute hauptsächlich Türken. In der Pakračka Poljana, in den Dörfern rund um Lipik bei den Hügeln des Papuk, werden sie im letzten dummen Krieg ein wenig massakriert, meist jedoch in die Flucht terrorisiert. So wie im dummen Krieg davor.

    Dazwischen sind meine donauschwäbischen Vorfahren, die überhaupt erst hier sind, weil Vertriebene zu ersetzen sind, zum Massakrieren dran. Nicht zu vergessen meine kroatischen Vorfahren, die dümmer sind als mein Großvater und nicht rechtzeitig die Seiten wechseln, sondern mit den Ustaše bis Bleiburg marschieren. Großvater, der Kroate, marschiert rechtzeitig mit den Partizani. Auch bis Bleiburg.

    Opa gut, Oma nicht so ...

    Von all diesen Mördern, Vertreibern und Opfern suche ich als eine Art Kompass für Gut und Böse, nicht ganz freiwillig, meinen Großvater, den Partizan, aus. Mein Großvater ist der lupenreine Kroate in der Familie, wird Soldat des Königs, dann Domobran, dann Partizan und am Ende Offizier der Volksarmee im Ruhestand. Das erscheint mir schon als Kind genau die richtige Mischung von Opfer und Mörder, um richtige Dinge über das richtige Leben glaubhaft zu sagen.

    Was jedenfalls eindeutig zutrifft, ist, dass ich von meinem Großvater nie geschlagen werde. Meine Großmutter, die Partizanka, doch später nur Offiziersgattin, schlägt mich sehr oft. Und bei geringem Anlass. (So, wie sie früher meine Mutter schlägt.) Während Großvater schweigt (wie früher auch) und während meine Eltern ihr Glück als Gastarbeiter in Wien (ver)suchen.

    Nur ein Dorf

    Und all das wiederum, wie in einem Märchen für Schicksalsgläubige, führt dazu, dass mein Vater, ein Antikommunist, und mein Großvater, der pensionierte Offizier der Volksarmee, ein Haus auf der Insel Brač bauen. Die Politik begräbt man mit den Fundamenten. In Sutivan hat nur der Sommer Platz. Sonst nichts.

    Hier wachse ich mit seiner Schwester auf, weil die Großeltern, die über die Kinder der Gastarbeiter wachen, den Großteil des Jahres hier verbringen. Das Fischerdorf Sutivan wiederum ist ein Zufallsfund aus einem Zelturlaub zuvor, bei dem Vater und Großvater beschließen, ein Stück Land zu kaufen und ein Sommerhaus zu bauen. Sutivan ist nichts Besonderes, nur ein Fischernest in Dalmatien, doch für mich ist hier der beste Teil meiner Kindheit.

    Von Pennsylvania bis Pirot

    Noch ein Wort zu meiner Oma. Sie ist das Produkt des seltenen Falls der Remigration. Am Anfang des neuen Jahrhunderts beschließt mein Ururgroßvater, der in der Familie nur "Opa Wagner" genannt wird, sein Gemischtwarengeschäft von Pleternica in Slawonien nach Pennsylvania in Amerika zu verlegen. Hier wird meine Großmutter geboren.

    Doch als die Weltwirtschaftskrise auch Opa Wagner fast ruiniert, kehrt man nach Slawonien zurück und eröffnet wieder ein Gemischtwarengeschäft in Slavonska Požega. Hier trifft meine donauschwäbische Oma den kroatischen Opa. Dann ist Krieg.

    Meines Vaters Donauschwaben sind Schmiede und Bauern. Die Serben hingegen sind Bauern und Maurer und kommen aus Pirot in Serbien. Wo sie aus einem Dorf einwandern, das erst im 21. Jahrhundert Strom und Wasserleitung bekommt und dessen Einwohner alle denselben Familiennamen tragen, der gleichzeitig der Dorfname ist. Klingt nach Inzucht, ist es wahrscheinlich auch.

    Where the streets have no name

    Alle diese meine Vorschatten kommen aus Dörfern, sind kleine Bauern, Handwerker und Händler. Sie irren über den Balkan und darüber hinaus, getrieben von Kräften, die größer sind als ihre kleinen, unbedeutenden und beschwerlichen Leben. Am Ende dieser Linien, Kreuzungen und Fluchtpunkte bin ich.

    Brač, die Insel, die mein ganz persönlicher Fluchtpunkt für alle Sehnsüchte nach Serenität und Isomorphie mit dem Universum ist, hat keinerlei Bezug zu meiner weit verstreuten Familie. Außer als eine Art neutraler Ort, wo manche dieser schwäbischen und kroatischen Slawonier und Serben manchmal in der Sommerhitze zusammenkommen.

    Damals, bevor der Kroatien-Krieg auch nur als dumpfe Ahnung möglich scheint, lerne ich den Großteil meiner Familie kennen. Heute habe ich kaum noch Kontakt zu diesen Menschen. Meine Tante hasst mich, meine Schwester bewirkt, dass ich einen Anwalt anheuern muss, ein Cousin ist bei den Hare Krishna gelandet und schreibt Krishna-Kochbücher. Ein anderer Cousin ist Kriegsverbrecher. Doch vor alldem sind wir glückliche Kinder, die um das Haus unter der großen Pinie in Sutivan spielen, ein Haus, dessen Adresse keinen Straßennamen beinhaltet.

    Die Nelke von Sutivan

    Heute haben die Straßen von Sutivan, die selten mehr als enge Durchgänge und ehemalige Ziegenpfade sind, fast alle einen Namen. Unser Haus hat die Adresse Hrvatskih Velikana 3. Doch wer mich im Sommer finden will, um willkommenerweise mit mir ein Glas Wein zu trinken, muss nur im Ort nach "Gaga" fragen. Unter diesem Spitznamen kennt mich hier fast jeder über 40.

    Mein Großvater nennt mich "Gariful". So nennt man in Dalmatien die Nelke. Doch als Kind kann ich das Wort nicht aussprechen und sage, nach meinem Namen gefragt, nur: "Gaga ..." Das bleibt dann. Bis heute. (Bogumil Balkansky, daStandard.at, 3.6.2013)

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