Krebstypus im Blut orten

3. Juni 2013, 10:09
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Lässt sich eine zukünftige Krebserkrankung durch genetische Bluttests vorhersagen? Diese Frage beschäftigte Experten bei der Asco in Chicago

Angelina Jolie hat die Seiten gewechselt. Mit ihrer Entscheidung, aufgrund eines genetisch prognostizierten, 80-prozentigen Brustkrebsrisikos sich prophylaktisch beide Brüste amputieren zu lassen, wurde ihr Leben plötzlich nicht mehr in den Klatschspalten, sondern im Wissenschaftsteil von Zeitungen diskutiert.

Ihre Geschichte demonstriert eindrücklich die Macht der neu aufkommenden Gentests: Sie verändern nicht nur die Medizin, sie verändern das Leben. Nicht zufällig widmete auch der weltgrößte Krebskongress, Asco, der von 31. Mai bis 4. Juni in Chicago stattfindet, dem genetischen Check auf ererbte Krebserkrankungen gesteigerte Aufmerksamkeit. Dort diskutieren Experten die mitunter begrenzte und gleichsam weitreichende Aussagekraft von ein bis zwei defekten Genen im Erbgut eines Menschen, die Krebs auslösen. Wer jedoch den Diskussionen der Onkologen genau zuhört, dem wird klar: Molekularbiologisch betrachtet gehört diese Art der Diagnostik bereits der Antike an.

Differenzierte Gebilde

Die Zukunft präsentiert sich bei der Asco in den Nachbarsälen: Sie liegt in etwa 20 Millilitern Blut. Dort nämlich hinterlassen die Tumore ihre Spuren, "lange bevor sie sich den Ultraschall-, Röntgen- oder Computertomografie-Geräten zu erkennen geben", sagt Frank Diehl, ehemals Krebsforscher, heute Geschäftsführer des Hamburger Unternehmens Inostics. Vereinzelte Erbgutfragmente, die absterbende Krebszellen auf Wanderschaft ins Blut absondern, enttarnen selbst winzig kleine oder versteckte Krebsherde. "Liquid Biopsy" (flüssige Biopsie, Anm.) nennt sich das Verfahren, auf das sich Inostics spezialisiert hat. Statt aufwändiger Gewebeentnahmen könnte künftig ein Bluttest weitaus präzisere Informationen über die Dynamik von Krebsgeschwüren geben.

Anders, als man einst dachte, setzen sich Tumoren nicht aus einem Zelltyp mit einigen Mutationen zusammen. Es sind höchst differenzierte Gebilde, die durch den ganzen Körper wuchern. "Mit einer gewöhnlichen Biopsie analysiert man nur einen kleinen Ausschnitt - an anderer Stelle können ganz andere Mechanismen dem Entarten zugrunde liegen", so Ellen Heitzer vom Institut für Humangenetik an der Med-Uni Graz. Die Spuren im Blut hingegen verraten Defekte, die im gesamten Tumor auftreten.

Wider die Metastasen

Die Kenntnis befähigt Forscher, die tödlichsten Eigenschaften des Krebses anzugreifen: die Bildung von Tochtergeschwulsten und die Fähigkeit des Tumors, sich gegen zunächst wirksame Medikamente mit der Zeit zur Wehr zu setzen. "Etwa 90 Prozent der Menschen sterben nicht an ihren Ursprungstumoren, sondern an deren Wucherungen", erklärt Andreas Trumpp vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ). Diese aber entstehen oft dann, wenn Therapien wirkungslos werden. Auf Basis des Gebärmutterhalskrebses schätzt das EU-Netzwerk EpiFemCare, dass sich etwa 80 Prozent der Todesfälle verhindern oder wenigstens weit aufschieben ließen, könnte man sie zielgerichtet behandeln. Auch dieses Forschungsprogramm ist auf einen Bluttest ausgerichtet.

Wie sicher die Fahndung im Blut bereits funktioniert, zeigen etliche Publikationen der vergangenen Jahre. Krebsmediziner vom Dana Farber Cancer Institute berichteten, dass sie Therapieresistenzen bei Tumoren des Verdauungstrakts mit wesentlich höherer Sicherheit identifizieren konnten, als das mit herkömmlichen Biopsien möglich war. Andreas Trumpp und Irene Baccelli konnten von den unterschiedlichen im Blut schwimmenden Krebszellen genau jene identifizieren, die sich als Metastasen in anderen Geweben niederlassen. Und Forscher aus dem Labor Bert Vogelstein der Johns Hopkins University in Baltimore - dem geistigen Vater des Tumor-DNA-Bluttests von Inostics - gelang ein weiterer Schritt: Sie identifizierten mithilfe der Blutproben aus einer Gruppe von 20 Personen sicher die zehn, die an Darmkrebs erkrankt waren.

Einsatz als Kontrollinstrument

"Eine Früherkennung liegt allerdings noch in weiter Ferne", schränkt Ellen Heitzer aus Graz ein. Auch in ihrer Arbeitsgruppe wird daran gearbeitet. Doch dies ist erstens noch zu kostspielig, zweitens ist längst nicht klar, wie präzise die Diagnose dann ist. "Da läuft man noch in Gefahr, Tumoren zu übersehen", sagt sie - oder Menschen als krebskrank zu erklären, bei denen nie ein Tumor aufgetreten wäre - was beim PSA-Test zur Prostatakrebs-Früherkennung ein Problem ist. Als Kontrollinstrument, um frühzeitig Metastasen oder Therapieresistenzen aufzuspüren, ist die Liquid Biopsy hingegen bereits einsetzbar.

Die Kosten für einen einfachen Test auf bestimmte genetische Veränderungen betragen zwischen 300 und 500 Euro. Die weitreichendere Suche nach Mutationen beläuft sich nach Angaben von Inostics auf 1500 Euro.

Das ist kaum mit den Kosten zu vergleichen, die möglicherweise nicht notwendigerweise verabreichte Therapien verursachen. Selbst modernste Behandlungen etwa mit zielgerichteten Antikörpern wirken nur bei 20 bis 30 Prozent der Patienten mit soliden Tumoren im Spätstadium.

Angelina Jolie hat ihr Risiko, an Brustkrebs zu erkranken, auf Basis einer genetischen Wahrscheinlichkeitsrechnung begrenzt. "Im Prinzip könnte sie sich regelmäßig einem blutbasierenden Gencheck unterziehen", sagt Diehl. Finden sich die mutierten Gene im Plasma, wächst unter Umständen irgendwo ein Tumor heran. (Edda Grabar, DER STANDARD, 3.6.2013)

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    Die Zukunft: mittels Gentests die Entwicklung einer Krebserkrankung vorhersagen können.

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