Trinkwasserversorgung in Passau eingestellt, mehrere Tote in Tschechien

3. Juni 2013, 12:30
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Zwei Tote in Bayern angeschwemmt. Pegelstände in Passau wie seit 500 Jahren nicht mehr

München/Prag/Breslau/Bratislava - Katastrophenalarm gibt es nach wie vor auch in Deutschland, vor allem im bayrischen Raum spitzt sich die Lage zu. In Passau erreichte die Donau am Montag mit 12,20 Metern den höchsten Pegelstand seit 1501. Wegen drohender Verunreinigung der Brunnen mussten die Stadtwerke am Montag die Trinkwasserversorgung einstellen. Nur das Klinikum Passau erhält frisches Trinkwasser.

Die zum Teil sehr erschöpften Einsatzkräfte erhielten am Montag Unterstützung von der Bundeswehr. 150 Soldaten sind jetzt in der Dreiflüssestadt im Einsatz, denn der Höhepunkt des Hochwassers war Montag noch nicht erreicht. Zwei Tote sind mit dem Treibgut des Hochwassers in Bayern angeschwemmt worden. In Dresden wurde in mehreren Vierteln Katastrophenalarm ausgelöst, im bayerischen Rosenheim musste der Bahnhof gesperrt werden, die Bahnverbindung zwischen München und Salzburg bleibt bis auf Weiteres unterbrochen.

Fünf Tote in Tschechien

Auch in Tschechien werden Erinnerungen an die große Flutkatastrophe von 2002 wach: Zahlreiche Flüsse traten über die Ufer, in den meisten Landkreisen wurde der Notstand ausgerufen. Bis Montagnachmittag wurden fünf Todesopfer gezählt, tausende Menschen mussten ihre Häuser verlassen. In Prag wurde die U-Bahn eingestellt, an der Moldau wurden Barrieren errichtet.

Die tschechische Regierung hat knapp zwölf Millionen Euro für Hilfsmaßnahmen freigegeben. "Wenn noch weitere Mittel benötigt werden, werden wir sie zur Verfügung stellen", versprach Premierminister Petr Necas während seines Besuchs beim Stausee Slapy.

Der Stausee reguliert den Zufluss in die Hauptstadt, hat aber nur begrenzte Kapazitäten. "Hier wird alles getan, um das Wasser möglichst lange zurückzuhalten, damit Prag und die Städte unterhalb Zeit für Schutzmaßnahmen haben", so Nec

Zwei Leichen bei bayrischem Kraftwerk angeschwemmt

Im bayrischen Günzburg sind zwei noch unbekannte Tote mit dem Treibgut des Hochwassers angeschwemmt worden. Wie die Polizei in Kempten mitteilte, wurde am Montag im Rechen des Donaukraftwerkes die Leiche einer Frau gefunden. Nach ersten Schätzungen war die Frau zwischen 40 und 50 Jahre alt.

Bereits am Sonntagabend war an diesem Donaukraftwerk beim Abtransport von Treibgut die Leiche eines Mannes entdeckt worden. Die Polizei geht aufgrund ihres Zustands von einem länger zurückliegenden Todeszeitpunkt aus. Die beiden Toten sollen obduziert werden.

Häftlinge aus Passauer Gefängnis verlegt

Wegen der Hochwassergefahr hat die Justizvollzugsanstalt Passau am Montag rund 60 Gefangene verlegt. 35 Häftlinge kamen nach Straubing, 24 nach Landshut, wie das Bayerische Justizministerium mitteilte. Ein Gefangener, dessen Entlassung ohnehin einen Tag später anstand, konnte vorzeitig gehen. Die Polizei unterstützte die Haftanstalten beim Transport der Gefangenen.

15.000 Helfer in Bayern

In einigen Häusern der Altstadt von Passau war aus Sicherheitsgründen der Strom abgestellt worden. Zahlreiche Straßen wurden wegen Überflutung gesperrt. Am Montag wurden Uhr in Passau 150 Soldaten zur Unterstützung der Einsatzkräfte erwartet. Seit Beginn der angespannten Hochwasserlage am vergangenen Freitag waren nach Angaben des bayerischen Innenministers Joachim Herrmann im gesamten Bundesland etwa 15.000 Helfer im Einsatz.

Nach einem Dammbruch in der Nacht auf Montag ist auch die Hochwasserlage in Rosenheim nach wie vor dramatisch. Ein weiterer Stadtteil musste evakuiert werden, das Wasser steht dort bis zu 1,50 Meter hoch in den Straßen. Viele Straßen in der Region sind derzeit nicht befahrbar.

Gasexplosion in Rosenheim

In Rosenheim mussten in der Nacht weitere rund 170 Menschen in Sicherheit gebracht werden, rund die Hälfte davon mit Booten. Bereits am Sonntag hatte es erste Evakuierungen gegeben. In einem Haus ereignete sich eine Gasexplosion, die Leitung konnte nach Angaben des Krisenstabs gesperrt werden. Sicherheitshalber würden weitere Stadtteile von Rosenheim evakuiert. "Der Verkehr in der Stadt ist am Zusammenbrechen", sagte ein Rathaussprecher.

Der Bahnverkehr auf den Strecken von und nach Rosenheim ist weiterhin unterbrochen. Angespannt ist die Hochwassersituation nach wie vor in den oberbayerischen Landkreisen Berchtesgadener Land, Miesbach, Mühldorf, Traunstein und Erding. Für diese Regionen gilt bis zum Abend ein Lkw-Fahrverbot.

"Möglicherweise werden wir eine Entwicklung bekommen, die zu einem Hochwasser führen könnte, das bisher noch nie dagewesen ist", hatte Ministerpräsident Horst Seehofer am Sonntagabend gesagt, nachdem er sich ein Bild von der Hochwasserlage gemacht hatte. Angesichts der dramatischen Situation hat die Staatsregierung einen Krisenstab eingerichtet. Er sollte sich am Montagmittag erstmals zusammensetzen. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel versprach den vom Hochwasser am stärksten betroffenen Ländern die volle Unterstützung der Bundesregierung.

VW-Werk stellt Produktion vorübergehend ein

Die Lage hat sich auch in anderen deutschen Bundesländern zugespitzt, nach Bayern und Baden-Württemberg sorgt das Hochwasser nun auch in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt für Störungen im Zugverkehr. Nach Angaben der Deutschen Bahn sind sowohl der Fern- wie auch der Regionalverkehr betroffen. In mehreren Gegenden wurde zudem Katastrophenalarm ausgerufen.

Das VW-Werk im sächsischen Zwickau hat vorübergehend die Produktion eingestellt. Die Frühschicht sei abgesagt worden, weil Mitarbeiter wegen der Fluten nicht zur Arbeit hätten erscheinen können und der Nachschub an Teilen unklar gewesen sei, sagte ein VW-Sprecher am Montag. Das Werk selbst sei nicht überflutet.

Am Wochenende seien etwa 170 Einwohner aus einer angrenzenden Gemeinde auf dem Fabrikgelände untergebracht worden, die wegen des Hochwassers aus ihren Wohnungen evakuiert wurden. 

Auch Südwesten Polens betroffen

Von Hochwasser ist auch der Südwesten Polens betroffen. Vor allem in Niederschlesien waren zahlreiche Oder-Zuflüsse und die Lausitzer Neisse über die Ufer getreten. Mehrere Landstraßen waren am Montag unpassierbar. Am Montag hat sich die Situation leicht entspannt, wie das regionale Krisenzentrum in Breslau mitteilte.

Das Institut für Wasserwirtschaft warnte, dass die Flüsse bei weiteren Regenfällen auch am Montag schnell ansteigen und über die Ufer treten könnten. Vereinzelt seien die Hochwassermarken bereits um bis zu 150 Zentimeter überschritten. Bisher sind vor allem ländliche Gebiete von den Überschwemmungen betroffen.

Bratislava bereitet sich auf Flut vor

Der Süden der Slowakei bereitete sich unterdessen auf die Donau-Flutwelle vor. Am Montagvormittag war die Situation noch stabil, in Bratislava erreichte die Donau mit 737 Zentimetern aber schon die erste Hochwasserstufe. Vorsorglich wurden in einigen Teilen der Stadt erste mobile Dämme errichtet, am Vormittag sperrte die Polizei erste niedrig gelegene Uferteile und Straßen auf der rechten Donauseite.

In Devin bei Bratislava, wo die March ebenfalls die erste Hochwasserstufe erreicht hat und auf 572 Zentimeter angestiegen ist, wurde bereits der Alarmzustand ausgerufen. Einige Straßenteile und Radfahrerwege standen Montagvormittag schon unter Wasser, auch hier werden Schutzdämme aufgestellt. Der Zusammenfluss der Donau und der March bei Devin ist einer der am meisten bedrohten Abschnitte.

Slowakische Hydrologen erwarten, dass die Donau ihren Höchststand von 2002 überschreiten könnte. Die dritte und somit höchste Hochwasserstufe könnte der Strom am Dienstag oder Mittwoch erreichen. Überflutungen drohen in allen Bezirken entlang dem Hauptstrom: Bratislava, Senec, Dunajska Streda, Komarno und Nove Zamky. Im Rest des Landes blieb die Situation trotz ausgiebigen Dauerregens vorerst stabil. (APA/red, derStandard.at, 3.6.2013)

  • Bereits am Sonntag wurden am Inn vielerorts historische Höchstmarken überschritten, in Passau befürchtet man am Montag einen Donau-Pegelstand von 12,55 Metern.
    foto: epa/armin weigel

    Bereits am Sonntag wurden am Inn vielerorts historische Höchstmarken überschritten, in Passau befürchtet man am Montag einen Donau-Pegelstand von 12,55 Metern.

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