Dynamik des Schrumpfens

2. Juni 2013, 18:11
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Außergewöhnliche Frauensoli bei den Festwochen und im TQW

Wien - Was entscheidet über uns? Zwei Performances, die am Wochenende im Tanzquartier Wien (TQW) und bei den Festwochen zu sehen waren, ließen keine Zweifel: Es entscheiden die Sprache der Politik und die Konstruktion von Identität.

Die erste Antwort lieferten Tim Etchells (Text) und Kate McIntosh (Performance) mit Although We Fell Short im Rahmen von "Unruhe der Form" bei den Festwochen. Eine akkurat gekleidete Frau hält eine Ansprache, die aus Zitaten von Nikita Chruschtschow, Margaret Thatcher, George W. Bush, Pol Pot u. a. zusammengestellt ist. "Freunde", sagt sie, "wir müssen schrumpfen."

Souverän lässt McIntosh diese Choreografie der Rhetorik aufblühen wie duftende, giftige Blumen des Bösen. Die Gelassenheit und scheinbare Verbindlichkeit der Vortragenden steht in krassem Gegensatz zum Inhalt des Gesagten. Da ist dieses Solo um nichts harmloser als die in Christoph Marthalers Festwochen-Stück Letzte Tage eingeflochtenen antisemitischen Reden.

Die zweite Antwort brachte, im Tanzquartier Wien, ebenfalls ein Solo: Aus den Klauen der Identität gibt es kaum ein Entrinnen. "Verwirrend ist die Identität, nicht ihre Abwesenheit", sagt eine Off-Stimme zu Beginn des Stücks. Die deutsche Choreografin Miriam Jakob hat das Stück Dynamic der US-amerikanischen Avantgarde-Größe Deborah Hay (Judson Dance Theater) auf Basis eines komplexen Weitergabeprozesses für sich adaptiert.

Wie McIntosh ist auch Jakob sehr gepflegt angezogen. Doch was sie tut, will gar nicht zu diesem Outfit passen. Sie sucht bestimmte Stellen auf der Bühne auf, verweilt dort, verlässt sie wieder, spielt mit Haltungen und Orientierungen. All das ist Teil von Hays Dynamic. Doch Miriam Jakobs Figur hätte auch aus dem Publikum kommen können. Gerade diese Greifbarkeit verleiht Deborah Hays choreografischem Gerüst besondere Feinheit und Schärfe. Eine gelungene Arbeit.   (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 3.6.2013)

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