Nachrichtentheater zuungunsten des Ameisenbären

2. Juni 2013, 17:59
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Nicolas Stemann lässt im MQ in die "Kommune der Wahrheit" blicken - Simple Reflexionen über die Informationsgesellschaft treffen auf eine drollige Sci-Fi-Bühne

Wien - Den Traum vom direkten Draht zur Wirklichkeit hat schon die antike Welt erfolglos geträumt. Selbst wenn sich ein fußstarker Bote vom Schauplatz des Geschehens schnellstmöglich aufmachte, um vom Vorgefallenen direkt zu berichten, so ist und bleibt die Realität der Nachricht eine andere als die des Ereignisses selbst. Diese Diskrepanz nimmt im Medien- und Informationszeitalter zu. Quellen werden unkenntlicher, Informationsflüsse schneller, und nicht zuletzt ist die Nachricht heute eine Ware, ein verkäufliches Produkt, von Interessen geformt und gesteuert.

Damit befasst sich Nicolas Stemann in seinem Festwochen-Auftragswerk Kommune der Wahrheit. Wirklichkeitsmaschine derzeit in der Halle E im Museumsquartier. Was ist eine Nachricht, und wie können wir heute mündige Konsumenten derselben sein? So ganz findet der Abend aus der Binsenweisheit-Ebene nicht heraus. Der Erkenntniswert bleibt gering, doch das Zweistundenspektakel unterhält gut. Das liegt an den vorzüglichen Schauspielern des mit den Festwochen koproduzierenden Thalia-Theaters - Birte Schnöink, Barbara Nüsse, Sebastian Rudolph, Daniel Lommatzsch, Jörg Pohl und Franziska Hartmann - sowie dem grundsympathischen Modus des Abends.

Weil die Wahrheit ja zumindest immer zwei Seiten hat, ist die von spaßig blinkendem Science-Fiction-Brimborium gesäumte Bühne (von Anika Marquardt, Lani Tran-Duc und Stemann) von einander gegenüberliegenden Zuschauertribünen einsehbar. Vom Schnürboden hängen Nachrichten-"Kanäle" in Form von mit Alufolien umklebten Kabeln, an die die Schauspieler ihre Gehirne andocken; eine rote Laufschrift verkündet sekündlich Neuigkeiten aus der Wirtschaft, ein Cluster aus Zeitungsschnipsel versammelt Wissenschafts-News: "Der Ameisenbär ist nicht die hellste Kerze auf der Torte."

Der Abend dokumentiert ein fingiertes "soziales Experiment", im Rahmen dessen das Schauspielensemble durch heftigen Konsum von Nachrichten selbst zur Wirklichkeitsmaschine wurde. Hedgefonds-Texte brachten echte Heuschrecken mit sich. Subtext: Nachrichten erzeugen neue unkontrollierbare Realität.

Zunächst geht es darum, die Fülle der tagtäglich generierten Nachrichten anschaulich zu machen: Von Boulevard-Schlagzeilen ("Busenprotest") bis hin zu ausführlichen Analysen zur Pensionsvorsorge im Qualitätsmedium türmen die Schauspieler die Neuigkeiten vorlesend übereinander. Dabei handelt es sich jeweils um tagesaktuelle Nachrichten, für Mimen wie Zuschauer folglich relativ unvorhergesehenen Inhalts.

Ein Herzstück dieses Massen-Inputs ist die manipulative Interpretation von Texten: So wird der aktuelle Karriereschritt von Ex-US-General David Petraeus (er heuerte jüngst bei einer Investmentfirma an) von Barbara Nüsse als Traummännleingeschichte erzählt; Birte Schnöink wiederum singt an der Akustikgitarre wahllos und nonstop Überschriften aus dem Gratisblatt ("Bäuerin stürzt von Scheune. Tot.").

Lagerfeuerromantik

Zu einer echten Kommune gehören auch Demokratie und Lagerfeuerromantik. Beides da: Stemann, der im Drillich-Overall und mit Professorenbrille stets am Rand der Szene herumcheckt, versammelt an besagter Stelle sein Team und "Außenkorrespondenten". Im Schein des roten Lichts befragt er Dramaturg Carl Hegemann, der im Herbst zur Hamburg-Premiere noch ein Theoriebändchen zum launig-oberflächlichen Abend nachliefern wird, den Journalisten Matthias Bröckers sowie ZiB-Anchorman Eugen Freund. Letzterer hielt dem kindischen Nachrichten-Bashing gewieft stand. Stemann jedenfalls war schon besser.  (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 3.6.2013)

4. und 5. 6., 19 Uhr

  • Nachrichten rinnen in seinen Kopf: Daniel Lommatzsch aus der "Kommune der Wahrheit".
    foto: martin prinoth

    Nachrichten rinnen in seinen Kopf: Daniel Lommatzsch aus der "Kommune der Wahrheit".

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