Wenn Schule eine Qual für das Kind ist

Kolumne2. Juni 2013, 17:00
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Jesper Juul erklärt, warum eine unorthodoxe Einladung an den Klassenlehrer sinnvoll sein kann und Eltern die Krisen der Kinder nicht verhindern sollten

Eine Userin schreibt:
Ich arbeite als Familientherapeutin und habe drei Kinder: Tobias ist zehn Jahre alt und die Zwillinge Ronja und Noah sind sieben Jahre. Meinem Mann habe ich vor einiger Zeit meinen "Job" als seine Beraterin aufgekündigt. Ronja und Noah sind beide seit Herbst in der ersten Klasse. Ich schreibe Ihnen auch aus fachlichen Gründen, aber vor allem als Mutter.

Es geht um Noah: Er findet es sehr schwierig, in die Schule zu gehen, und ich finde es schwierig, dass er es schwierig findet. Es ist eine lange Geschichte, aber es macht ihn richtig traurig und verzweifelt, dorthin gehen zu müssen. Ich mache mir viele Gedanken darüber, was dahinterstecken könnte.

Er vermisst das Spielen, er ist unsicher, weil es - wie er es ausdrückt - "verdammt noch mal so viele Fragen in der Schule gibt" und so hohe Ansprüche. Es macht mich sehr traurig, meinen Sohn so unglücklich zu sehen. Ich werde ganz bedrückt, wenn ich jeden Tag in der Früh höre, dass er nicht in die Schule will, oder wenn er sagt, dass er lieber sterben möchte. Ich möchte Sie um Ihre Überlegungen dazu bitten.

Jesper Juul antwortet:
Sie teilen das Schicksal mit vielen Eltern. Für Eltern ist der Übergang ihrer Kinder in die Schule oft dramatisch, und sie suchen einen konstruktiven Weg, um mit der neuen Situation umzugehen. Ihre Zeilen lassen mich vermuten, dass Sie sich um geliebte Menschen sehr fürsorglich und rücksichtsvoll und fast so wie eine Bedienstete kümmern. Wenn sich bei Ihrem Mann bereits das Gefühl der Überfürsorge einstellt, so verzehnfacht sich das in der Beziehung zu Ihren Kindern.

Ihre Zwillinge scheinen sehr ehrgeizige Namen zu haben: Ronja, die als die "Räuberin", Rebellin und Kriegerin in der Familie gilt, und Noah, der auszog, um die Tiere der Welt zu retten - ein Philosoph und Humanist sozusagen. Ich erwähne meine Gedanken und Vermutungen dazu deshalb, weil diese möglicherweise auch andere haben. Es könnte sein, dass damit Vorurteile über Sie entstehen, die Sie als Mutter in eine Schublade stecken und die es für Sie schwerer machen, aus der Symbiose mit Ihrem Kind auszubrechen. Viele Menschen sind wahrscheinlich nicht bereit, das zuzugeben, und es kann zu einem Hindernis in der Zusammenarbeit werden.

Aber nun zu Noah: Er ist ein Bub, der sich wohl etwas langsamer entwickelt als seine Schwester. Das macht ihn zum Opfer mütterlichen Schutzes und der Rechenschaftspflicht. Und jetzt hat er ernsthafte Probleme damit, in die Schule zu gehen. Was ausreicht, um sowohl Vater als auch Mutter um den nächtlichen Schlaf zu bringen.

Auch wenn es jetzt etwas grausam klingt, sollten Ihnen dennoch Noahs zwei große Probleme bewusst sein: Das erste ist, dass er nicht gerne in die Schule geht. Das zweite Problem ist, dass sein Selbstbild sehr schnell kippen kann, weil er sich ständig mit seiner Schwester vergleicht. Darüber hinaus verletzen seine Gefühle die seiner Mutter, was wohl das Letzte ist, was er will. Deshalb denkt er, dass das Leben nicht lebenswert ist. Das bedeutet nicht, dass er einen Selbstmord plant, sondern nur, dass er sein Leben, so wie es jetzt ist, nicht aushält.

Das ist nicht seltsam oder außergewöhnlich für Kinder. Er weiß, dass er in die Schule gehen muss. Und es ist für ihn im Moment unvorstellbar, das die nächsten zehn Jahre oder mehr auszuhalten. Es grenzt eigentlich an ein Wunder, dass er sich so tapfer hält. Die meisten Erwachsenen in ähnlichen Lebenskrisen würden sich krankschreiben lassen. Für Kinder ist das keine Option, und es ist wunderbar, dass er eine Mutter hat, die mehr als bereit ist, ihn zu unterstützen.

Der ideale Weg zu einer Lösung mag im derzeitigen Schulsystem völlig unrealistisch erscheinen, ich erwähne ihn aber trotzdem: Sprechen Sie mit Noahs Klassenlehrerin oder -lehrer und bitten Sie ihn oder sie zu sich nach Hause. Noahs Erfahrungen in der Schule sind so negativ, dass er in der Schule kaum wahrnimmt, was der Lehrer zu ihm sagt. Außerdem ist ein Besuch zu Hause im Interesse aller Beteiligten: Wenn Sie den Lehrer davon überzeugen können, eine Stunde seiner Zeit für einen Hausbesuch zu investieren, wird er oder sie sich viele Stunden an Konflikten, viele Erklärungen und Gespräche in den kommenden Jahre ersparen.

Hier geht es nicht um einen Buben, der seinen Lehrer nicht mag, sondern um ein Kind, das mit der Realität der Schule an sich überfordert ist. Dennoch sind die beiden "Hauptparteien" in diesem Konflikt Noah selbst und die Schule. Der Lehrer personifiziert für Noah die Schule.

Ich würde dem Lehrer oder der Lehrerin daher zu folgendem Gesprächseinstieg raten: "Noah, deine Mama glaubt, dass es megaschwer für dich ist, in die Schule zu gehen. Das macht uns sehr traurig. Wir wünschen uns, dass es den Kindern Spaß in der Schule macht und dass sie es dort spannend finden. Aber wie es scheint, ist das bei dir nicht so. Deine Mama hat dir sicher schon gesagt, dass alle Kinder in die Schule gehen müssen, egal ob sie es wollen oder nicht. Ich bin heute hier, um dir zu zeigen, dass ich alles tun möchte, um euch zu helfen. Vielleicht können wir, wenn wir miteinander reden, herausfinden, wie du mir und den anderen Lehrern dabei helfen kannst."

Auf diese Weise kann der Lehrer im Auftrag der Schule die Initiative ergreifen, damit Noah geholfen wird. Noah kann so einen Bezug zur Schule herzustellen, den er alleine nicht aufbauen kann. Weshalb Sie als Eltern bisher nur abstrakt mit ihm über die Schule sprechen könnten. Natürlich kann es passieren, dass der Lehrer diese Vorgehensweise als nicht üblich oder schwierig ablehnt. Was schade wäre, weil die Schule damit eine Möglichkeit im Leben dieser Familie verpasst, um zu ihrer weiteren Zukunft konstruktiv beizutragen.

Lassen Sie uns optimistisch sein: Stellen wir uns vor, dass Noah Lehrer hat, die pädagogisch denken können und deshalb auch bereit sind, Noah dort zu begegnen, wo er sich gerade befindet. Das bedeutet nicht, dass sich damit das Problem auflöst. Sie und Ihr Mann haben jetzt die wichtige Aufgabe, die Balance zwischen Empathie und Mitgefühl und der Realität des Lebens zu finden. Noah braucht Ihr Engagement und Interesse als Rückhalt.

Es wird wahrscheinlich mehrere Wochen oder Monate dauern, bis Noah sich artikulieren und darüber sprechen kann, was an der Schule so schwer für ihn ist. Denken Sie daran, dass Ihr Sohn jetzt in der Krise ist und deshalb keinen klaren Blick hat. Er braucht Zeit und viele Pausen abseits der Schule, in denen er nur spielen kann. Es ist wichtig, dass sowohl Sie als auch Ihr Mann nicht ständig mit einem besorgten Gesicht herumlaufen. Wenn Sie das nämlich tun, nehmen Sie die Szene ein (weil Noah, wie alle Kinder, kooperieren möchte) und lassen ihn alleine zurück mit dem Szenario und dem Ausblick in die Zukunft, dass er sein eigenes Leben in die Hand nehmen muss und für das Wohlbefinden seiner Eltern verantwortlich ist. Klingt das schwierig? Ist es auch!

Schließlich möchte ich darauf aufmerksam machen, dass es während der kommenden Zeit nicht nur darum geht, dass Noah sich in der Schule zurechtfindet, sondern auch darum, wie er seine Lebenskompetenz und seine individuelle Art, zukünftige Lebenskrisen zu bewältigen, aufbaut und entwickelt.

Das kann er garantiert nicht in der Schule lernen, sondern nur zu Hause und gemeinsam mit Ihnen. Dazu ist es notwendig, dass Sie sich Ihrer eigenen Rolle bewusst sind: Die sollte es sein, abseits zu stehen und ihm Ihre Lebenserfahrung anzubieten, ihn zu begleiten. Sie sollten nicht versuchen, seine Krisen zu verhindern.

Wenn meine Vermutungen über seine Mutter einigermaßen richtig sind, könnte Noahs Schulproblem ein wahres Geschenk für Sie sein. Denn es gibt Ihnen Einsicht in Ihre Ressourcen und Grenzen und aktiviert Ihr Potenzial als Elternteil. Die gleiche Bedeutung könnte es für seine Lehrer bekommen - und diese sollten das zu schätzen wissen. (Jesper Juul, derStandard.at, 2.6.2013)

Jesper Juul, geboren 1948 in Dänemark, ist Lehrer, Gruppen- und Familientherapeut, Konfliktberater und Buchautor. Er studierte Geschichte, Religionspädagogik und europäische Geistesgeschichte. Statt die Lehrerlaufbahn einzuschlagen, nahm er eine Stelle als Heimerzieher und später als Sozialarbeiter an und ließ sich zum Familientherapeuten ausbilden. Er ist Begründer des Family Lab.

Auf derStandard.at/familie beantwortet Jesper Juul alle zwei Wochen Fragen zu Erziehung, Partnerschaft und Familienleben.

  • Familientherapeut, Autor und derStandard.at-Kolumnist Jesper Juul.
    foto: family lab

    Familientherapeut, Autor und derStandard.at-Kolumnist Jesper Juul.

  • Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.
    foto: family lab

    Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.

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