Wider die erste Welt

31. Mai 2013, 19:06
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Zwangsjackenschön: Clemens Berger erzählt in seinem neuen Roman von entsorgten Zahnbürsten und sich verschleißenden Leidenschaften

"Versprechen" ist ein großes und schwieriges Wort. Seine Vielschichtigkeit reicht weit über die grundlegende semantische Differenzierung hinaus; auch innerhalb seiner Binnenbezeichnungen oszilliert es zwischen Verheißung und Schwur, Offenbarung und Beschwörung.

Wenn Clemens Berger, ein zweifellos ungemein talentierter österreichischer Autor der sogenannten jüngeren Generation, der mit seinen bisherigen Büchern manches von dem eingelöst hat, was man von zeitgenössischer Prosa erwarten möchte (und allzu selten darf), einen Roman mit dem schönen Titel Ein Versprechen von Gegenwart veröffentlicht, dann besteht Anlass zur Hoffnung, spitzt man die Ohren, beginnt zu lesen und trifft auf ein namenloses Ich, Kellner von Beruf; ein Ich, das aus der Vergangenheit heraus erzählt, sich erinnernd einer gewesenen Gegenwart (oder zumindest dem Versprechen darauf) zuwendet.

Ein schöner Kunstgriff, ein subtiles poetisches Verfahren, möchte man meinen und wird auf den ersten Seiten durch die inhaltliche Ausführung dieser ausgeklügelten poetologischen Konstruktion in eine Welt entführt, deretwegen es sich überhaupt zu lesen lohnt - selbst dann, wenn einem der gekonnte Realismus näher ist als das bemühte Experiment: "Man unterstellte mir alles Mögliche und Unmögliche, nur um sich nicht mit dem beschäftigen zu müssen, womit ich mich seit geraumer Zeit beschäftige, und was ich die zweite Welt nennen will. Ich weiß nicht, ob die zweite Welt die erste stützt oder vielmehr ihre notwendige Unterseite darstellt, oder ob die zweite Welt nicht doch Einspruch gegen die erste anmeldet. Für mich zählt die zweite Welt, welche die erste in Stillstand versetzt, zumindest für eine kurze Zeit, wenn das Gehirn auf Urlaub, der Baum vor dem Fenster ein Baum, die Musik aus den Boxen Musik, der nächste Tag der nächste Tag ist, wenn man anders spricht, dem anderen näher ist - oder beinahe so weit entfernt wie davor."

Es gilt, sich diese weitere Brechung zu vergegenwärtigen, ehe man der Versuchung erliegt, Inkonsistenzen auszumachen, geschweige denn zu monieren. Die "zweite Welt" ist Gegenwelt und ist es doch nicht.

Das Ich, das hier erzählt, hat sich gleichsam unantastbar gemacht, indem es aus der gewürfelten Welt von Signifikaten und Signifikanten Formeln ableitet, die in ihrer Relativität absolut sind und umgekehrt.

Ein derartiges Kalkül entbehrt freilich nicht der Gefahr. Fallhöhe ist ein folgenschweres Wort, ihre schmerzhafte Konsequenz hängt oft weniger von der Ausgangshöhe als vielmehr von der Beschaffenheit des Bodens ab.

"Wohlan, mein Verhängnis!", lässt der Ich-Erzähler sich selbst einmal in direkter Rede (und sich im Erinnern erinnernd!) sagen; ein Schelm, wer Böses dabei denkt, und überdies im Irrtum, wer glaubt, es handle sich dabei um den Ich-Erzähler, mit dem man es zumeist zu tun hat, nein, erzählt wird jetzt aus der Ich-Perspektive des vom Kellner-Ich erzählten Mannes, also einer Hälfte des erzählten Paares, eines Schauspielers, der mit Irina, der anderen Hälfte, in unregelmäßiger Regelmäßigkeit und über längere Zeit in jenem Lokal verkehrt, das der Kellner "damals törichterweise seines" nannte und das "italienisch und französisch und auf jeden Fall gediegen sein wollte".

Sie kommen meist "kurz vor Mitternacht oder kurz danach", auf jeden Fall kommen sie immer danach, trinken Bitter Lemon oder Cola Light (sie), Bier (er), essen Filetspitzen medium rare (er), "mehr rare als medium". Was sie davor getan haben, braucht man im Detail nicht zu wissen - vom Entkommen vor geölten Kettensägen ist da die Rede (natürlich scherzhaft und danach) und von Arbeitern, die lachend und rauchend Teile abtransportieren (gebrochen, nicht zersägt), die einmal ein Bett gewesen sind, während der Ich-Erzähler mit Julia telefoniert, auch wenn er immer noch und so gut wie ständig an Kristina denkt, an eine Unmöglichkeit: " Mehr als das Kokain hatte mir ein Porno, den sie mir wie ein Geständnis vorgeführt hatte, die Unmöglichkeit unserer Beziehung vor Augen geführt; ich kam nicht darum herum, in jener Verstörten in ihrer Zwangsjacke, die auf ein Bett gefesselt war und von zwei Wärtern benutzt wurde, eine Selbstaussage zu lesen, einen Wunsch, eine Phantasie, vielleicht sogar mehr. Auf einmal fiel mir ein, wie lange ich gebraucht hatte, um Kristinas Zahnbürste wegzuwerfen (...), und ich fragte mich, wann und wie sie meine weggeworfen hatte."

Irgendwie ist man erleichtert, dass dieses Ich "darum herumkommt", Kristinas Selbstaussage eingehender zu erläutern; die Schilderung einschlägiger Szenen bleibt weit hinter ihren sprachlichen Möglichkeiten zurück, auch und gerade jenen von Clemens Berger, der das beispielsweise in seinem Roman Das Streichelinstitut schon vorgeführt hat, wie gelingend und gelungen das sexuell Handfeste in einer heutigen Sprache zu Literatur werden kann.

Während dort Észter und Sebastian "so wütend und zärtlich" miteinander schlafen, dass sie darüber die Morgendämmerung vergessen, geht Irina ungleich expliziter zur Sache: "Und als sie die Vorhaut zurückzieht und auf deine Eichel spuckt, streckt sie die Zunge aus und schleckt darüber, ohne dich aus den Augen zu lassen."

Die schönsten Versprechen bleiben immer noch jene, die gehalten werden, ohne je gemacht worden zu sein - gleichviel in welcher Welt.   (Josef Bichler, Album, DER STANDARD, 1./2.6.2013)

Clemens Berger, "Ein Versprechen von Gegenwart". € 13,40 / 160 Seiten. Luchterhand, München 2013

  • Clemens Berger.
    foto: standard / heribert corn

    Clemens Berger.

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