Innovation: Warum es der Türkei so gut geht

Kolumne31. Mai 2013, 18:54
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Man muss dem Land seine umfangreichen Investitionen in nachhaltige Technologien zugutehalten

Ein aktueller Besuch in der Türkei hat mir die enormen wirtschaftlichen Erfolge des Landes während des letzten Jahrzehnts erneut ins Gedächtnis gerufen. Die türkische Wirtschaft ist stark gewachsen, die Ungleichheit geht zurück, die Innovationstätigkeit steigt.

Die türkischen Leistungen sind umso bemerkenswerter, wenn man sich die Nachbarschaft des Landes ansieht. Im Westen stehen Zypern und Griechenland im Epizentrum der Krise in der Eurozone. Im Südosten liegt das kriegsgeplagte Syrien, aus dem fast 400.000 Flüchtlinge in die Türkei geströmt sind. Im Osten liegen Irak und Iran, im Nordosten Armenien und Georgien. Eine kompliziertere Nachbarschaft findet sich kaum woanders.

Trotzdem hat die Türkei bemerkenswerte Fortschritte erzielt. Nach einem steilen Abschwung in den Jahren 1999-2001 hat die Konjunktur zwischen 2002 und 2012 jährlich durchschnittlich fünf Prozent zugelegt. Die türkischen Geldinstitute haben aus dem Bankencrash der Jahre 2000-2001 gelernt und den Boom-Bust-Zyklus des letzten Jahrzehnts vermieden. Die Ungleichheit sinkt. Und die Regierung hat drei aufeinanderfolgende Parlamentswahlen gewonnen, jedes Mal mit einem größeren Anteil der Stimmen.

Es gibt nichts Auffälliges am Aufstieg der Türkei, wenn man davon absieht, dass ihr die Öl- und Gasvorkommen fehlen, über die ihre Nachbarn verfügen. Sie gleicht dies durch Industrie und Dienstleistungen aus. Der Tourismus allein brachte 2012 mehr als 36 Millionen Besucher ins Land, was die Türkei zu einem der führenden Urlaubsziele der Welt macht.

Man muss der Türkei ihre umfangreichen Investitionen in nachhaltige Technologien zugutehalten. Das Land verfügt über einen Reichtum an Wind-, Geothermie- und anderen erneuerbaren Energien und wird sich höchstwahrscheinlich zu einem weltweiten Exporteur "grüner" Innovationen entwickeln.

Wie hat die Türkei das geschafft? Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan und sein vom stellvertretenden Ministerpräsidenten Ali Babacan geführtes wirtschaftspolitisches Team haben sich auf die Basics konzentriert und eine langfristige Perspektive verfolgt. Erdogan kam 2003 nach Jahren kurzfristiger Instabilität und Bankenkrisen an die Macht. Der Internationale Währungsfonds war zu Hilfe gerufen worden. Die Strategie von Erdogan und Babacan bestand darin, Schritt für Schritt den Bankensektor wieder aufzubauen, den Haushalt unter Kontrolle zu bekommen und in konsequenter Weise dort zu investieren, wo es zählt: in Infrastruktur, Bildung, Gesundheit und Technologie.

Die wichtigste Lehre für andere Länder, die in einer Welt der "Konjunkturimpulse", Spekulationsblasen und kurzfristigen Denkens zu häufig in Vergessenheit gerät: Langfristiges Wachstum gründet auf einer besonnenen Geld- und Fiskalpolitik, dem politischen Willen zur Bankenregulierung und privaten Investitionen in Infrastruktur, Fertigkeiten und moderne Technologien. (Jeffrey D. Sachs, ©Project Syndicate, 2013. Übersetzung: Jan Doolan, DER STANDARD, 1./2.6.2013)

Jeffrey D. Sachs ist Professor für nachhaltige Energie sowie für Gesundheitspolitik und -management an der Columbia University und Direktor ihres "Earth Institute". Er ist außerdem Sonderberater des UN- Generalsekretärs für die Millenniumziele.

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