Warnschilder auf dem Kunstparcours

31. Mai 2013, 22:19
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Nur 28 von 88 Ländern, die an der Biennale teilnehmen, residieren in den Giardini. Das Pavillonhüpfen erweiterte sich heuer um Bahamas, Tuvalu und den Vatikan

Sportlich gesehen wird das Kunstländermatch namens Biennale schon am Eröffnungstag entschieden: wenn die Löwen an Kunst, Künstler (die beiden großen Damen der europäischen Kunst, Maria Lassnig und Marisa Merz, werden für ihr Lebenswerk ausgezeichnet) und an den besten Pavillon vergeben werden. Sportlichkeit ist auch für den Besucher von Vorteil: 88 Länder nehmen dieses Jahr am Weltkunsttreffen teil, 28 davon resi­dieren in Pavillons in den Giar­dini, dem unbestritten schönsten Kunstschauplatz, die anderen sind quer über die Lagune verteilt. Biennale-Debütant Vatikan ist, passend zum Ermüdungszustand der Besucher, mit esoterischen Variationen zu Schöpfung und Erschöpfung im Arsenal untergebracht.

Der erste nationale Pavillon wurde übrigens 1909, 14 Jahre nach der Gründung der Biennale, errichtet: Die italienischen Künstler hatten sich über zu viel internationale Konkurrenz beschwert.

Die Idee des damaligen Generalsekretärs Antonio Fradeletto war – vor allem auch aus finanzieller Sicht – genial, weil die Länder­pavillons den Fortbestand der Biennale auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten garantierten. Denn die Staaten mussten den Grund in den Giardini erwerben, ihre Pavillons bauen und selbst erhalten. Und wenn staatliche Mittel nicht ausreichen, helfen – nationenübergreifend – Sponsoren bei der Finanzierung mit. Besonders lang ist etwa die österreichische Sponsorenliste, auf der sich unter vielen anderen auch der russische Millionär und Viennafair-Besitzer Sergej Skaterschikov befindet. Serbien, das in der venezianischen Kunstweltordnung gleich neben Österreich zu liegen kommt, hat mit staatlichen Mitteln sein Auslangen gefunden, was der melancholischen Schönheit des Pavillons nicht zum Nachteil gereicht: Vladimir Peric hat die Micky Maus-Sammlung seiner Kindheit auf die eine und Rasierklingen – Zeichen männlicher Adoleszenz, aber auch Verletzlichkeit – auf die andere Wand gepinnt. Milos Tomic erzählt in seinen Videotagebüchern von sozialen Beziehungen.

Auffallend poetisch im austra­lischen Pavillon (er wird übrigens nach Ende der Biennale durch einen neuen ersetzt) Simryn Gills Insektenschwarm aus (Zeitungs-) Papierschnitzelchen, denen sie Tintenfüßchen zeichnet, Collagen aus Ringen, runden Formen: Erinnerungen an das Strandhaus ihrer Kindheit.

Materialschlachten

Das Schöne – und Hässliche – am venezianischen Kunstparcours ist, dass sich jedes Land so progressiv oder konservativ präsentiert, wie es will und kann. Keine Jury, die über nationale Auswahlkriterien wacht. Keinerlei Beschränkungen – außer die selbst auferlegten: Menschen mit Gleichgewichtsstörungen, Höhenangst oder Herzrhythmusstörungen ist der Besuch des Südkorea-Beitrags abzuraten: Das besagt ein Schild vor dem Eingang. Hätten nur auch die Kanadier eine Warntafel vor ihrer von Shary Boyle möblierten, glitzerdusteren, materialorgiastischen Kitschkunstboutique auf­gestellt.

Die "Sehschlacht am Canal Grande" , wie der Kunstpublizist und 20er-Haus-Direktor Alfred Schmeller (1920–1990) die Biennale einmal höchst treffend nannte, ist auch in diesem Jahr oft eine üppige Materialschlacht: Wenn etwa die 44-jährige New Yorker Künstlerin Sarah Sze mit ihrem Projektteam den US-Pavillon mit Found Objects und Konsumgütern und Leitern und Schnüren und filigranen Konstrukten aus Metall und Holz zurammelt, Regale mit Steinen und Krimskrams und Päckchen füllt und vor dem Pavillon riesige Stolpersteine in den Kiesel eingräbt, so scheint das ein bisschen viel Aufwand für die künstlerische Frage zu sein, welche Objekte in unserem Leben von Wert sind.

Auch Lara Almarcegui (wie Sze hat sie übrigens auch schon in der Wiener Secession installiert) braucht gehörig viel Ziegel, Rinde, Glassplitter und Erde, die sie in den spanischen Pavillon kippt, nachdem sie den Boden mit Schmirgelpapier ausgelegt hat: an­geblich genauso viel Baumaterial, wie im Pavillon verbaut wurde. Dessen Vergänglichkeit (und wohl auch die der Kunst) ist ihr Thema, vor allem aber der Bauboom an der spanischen Küste. Hunderte Häuser, die leer stehen: teurer Schutt, verantwortungslosen Bankern, Spekulanten und der Krise geschuldet. Krise ist, wenig verwunderlich, auch im griechischen Pavillon daheim: Stefanos Tsivopoulos erzählt in einem seiner Videos – politisch korrekt, aber einigermaßen langatmig – von einem jungen afrikanischen Immigranten auf der Suche nach seinem "Gold" : Eisen.

War es bei der letzten Biennale die Idee einer Salzbrücke zwischen Israel und Jordanien, die Sigalit Landau entwickelt hatte, fantasiert heuer Gilad Ratman in seiner raumgreifenden Inszenierung aus Videos, Licht und Tonskulpturen über einen unterirdischen Marsch von Jerusalem nach Venedig, wobei der Tunnel just im israelischen Pavillon endet: Kunst als Völkerverständigung.  (Andrea Schurian aus Venedig, DER STANDARD, 1./2.6.2013)

  • Lara Almarcegui: Gleich viel Material, wie für den Bau einst vonnöten war, hat sie nun in den spanischen Pavillon gekippt.
    foto: anna blau

    Lara Almarcegui: Gleich viel Material, wie für den Bau einst vonnöten war, hat sie nun in den spanischen Pavillon gekippt.

  • Zeigt der Kunst einen Vogel: Jeremy Deller im britischen Pavillon.
    foto: anna blau

    Zeigt der Kunst einen Vogel: Jeremy Deller im britischen Pavillon.

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