Stiller Eigensinn zwischen Kunst und Leben

31. Mai 2013, 18:42
posten

Das Lebenswerk von Marisa Merz wird in Venedig mit einem Goldenen Löwen gewürdigt

Den Anspruch, Kunst und Leben zu vereinen: Marisa Merz erfüllte ihn, ohne dafür erst ein Konzept zu ersinnen. "Es gab niemals eine Trennung zwischen meinem Leben und meiner Arbeit", sprach sie, als in den 1990er- Jahren erste Retrospektiven zu ihrem der Arte Povera zugehörigen Werk, etwa im Centre Pompidou in Paris (1994), stattfanden.

Dass sich bei ihr Alltägliches, Privates mit dem künstlerischen Tun verband, hatte sicher auch mit den Lebensumständen zu tun. Denn als Merz - die als Autodidaktin und Ehefrau von Mario Merz, einem Hauptvertreter der Arte Povera, zur Kunst gekommen war - in den 1960ern begann, war sie bereits Mutter einer kleinen Tochter und genoss noch nicht die emanzipatorischen Freiheiten, die erst später erkämpft wurden. Der Vereinbarkeit von Kunst und Obsorge förderlich war auch ihr Material. Es sei nicht notwendig gewesen, das Metall aufwändig in Form zu treiben, sagt sie über ihre Schneckenhäuser (die "Chiocciole" oder "Metalli") aus spiralenartig eingedrehter Aluminiumfolie.

1967, bei ihrer ersten Einzelausstellung, hingen diese wie Mobiles von der Decke der Turiner Galleria Sperrone. Merz folgte den Eigenschaften des Materials, schnitt und vernähte die Folie und konnte dies jederzeit unterbrechen, um sich um die Tochter zu kümmern. "Alles war auf der gleichen Ebene, Bea und das Nähen an den Formen."

Die Sprache und Materialien der Arte Povera (Kupfer, Gold, Wachs, Ton u. a.) verband Merz mit traditionell weiblichen Techniken wie Stricken, Sticken, Flechten, Nähen. So entstanden etwa Kupfergewebe, die sie in Räumen aufspannte, oder aus Nylon gestrickte Schuhe, die in der Brandung wogten. Trotz des Metallischen blieben die Arbeiten fragil. Objekte wie eine Schaukel für ihre Tochter offenbaren ein spielerisches Element, fern der Rationalität einer Minimal Art. Sie verweigerte sich einer Datierung und Signierung ihrer Werke.

Ausgesucht waren ihre Ausstellungsteilnahmen, darunter 1982 und 1992 an der Documenta, 1972 und 2001 (Spezialpreis) an der Biennale in Venedig. Bei vielen Ausstellungen zur Arte Povera fehlte die einzige namhafte weibliche Vertreterin dieser Richtung jedoch. Ausnahme: Che fare? 2010 im Kunstmuseum Liechtenstein.

Mit Maria Lassnig verbindet die 82-jährige, in Mailand lebende Künstlerin die Darstellung fragmentierter Körper. Am 1. Juni ehrt man beide in Venedig mit dem Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk.    (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 1.6.2013)

  • Marisa Merz bei der Biennale 2013.
    foto: biennale / giorgio zucchiatti

    Marisa Merz bei der Biennale 2013.

Share if you care.