Massive Luftverschmutzung schon zur Zeit der Phönizier

1. Juni 2013, 17:01
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In der Sierra Nevada fanden Forscher Partikel von vor 3.900 Jahren, die eine Metall verarbeitende Industrie belegen

Umweltverschmutzung, die auf menschliches Tun zurückgeht, ist älteren Datums als gedacht. "Vor fast 4000 Jahren haben die Bewohner im Süden der Iberischen Halbinsel ihre Luft fast annähernd so stark verschmutzt, wie dies zur Zeit der industriellen Revolution der Fall war", sagte José Antonio Lozano Rodríguez, Geoarchäologe an der Universität Granada, im Gespräch mit dem STANDARD.

Ein Forscherteam um Lozano hat in der Lagune Río Seco in der südspanischen Sierra Nevada auf 3.020 Meter die ältesten Belege für von Menschen verursachte Umweltverschmutzung in Europa gefunden. Eingebunden waren auch Forscher der Universitäten Sevilla und Northern Arizona (USA), Mitarbeiter des andalusischen Erdwissenschaftlichen Instituts, spanische Akademie der Wissenschaften sowie das Geo- und Umwelttechnik-Unternehmen EGM. Ihre Erkenntnisse haben sie Mitte März im Fachjournal "Science of the Total Environment" publiziert.

Die maximalen Verschmutzungswerte, die mit dem Verbrennen von Holzkohle in Zusammenhang stehen, reichten 3.900 Jahre in die frühe Bronzezeit zurück. Damals wurde erstmals großflächig Erz abgebaut, für dessen metallurgische Verarbeitung große Mengen Feuerholz verbrannt wurden. Gleichzeitig habe der Mensch der damaligen Zeit damit begonnen, weitflächig Waldgebiete zu roden, um Ackerland zu gewinnen, lesen die Forscher aus ihrer Datensammlung.

Geochemische Analysen zeigten, dass es bereits damals zu einer starken Konzentration von Partikeln durch Verbrennen von Holzkohle in der Atmosphäre kam. Diese Werte würden sich erheblich von jenen unterscheiden, die auf Waldbrände zurückzuführen sind, sagte Lozano. Maximalwerte für Bleikonzentration seien für die frühe Eisenzeit - tausend Jahre später - festgestellt worden.

Jahrtausende alte Partikel

Gewässer wie beispielsweise die Lagune Río Seco eigneten sich vorzüglich für solche Untersuchungen. "Eben weil die letzten Gletscherseen der Sierra Nevada im Gegensatz zu jenen der Alpen bereits seit 11.000 Jahren verschwunden sind", wie der bergsportbegeisterte Lozano betont. Somit habe man ein Zeitfenster, das jene Spanne abdeckt.

Interessant wären vergleichende Studien im Mittleren Osten, wo mit der Metallverarbeitung nach unserem Wissensstand früher begonnen wurde. Dort fehlten aber vergleichbare Wasserreservoirs. Zudem haben sich die dominierenden Winde der Region um die höchste Erhebung Iberiens, die mit dem Gipfel des Mulhacén fast 3.500 Meter erreicht, kaum verändert. Die südseitig orientierte Río-Seco-Lagune hat sich nach Angaben von Lozano für den Forschungszweck geradezu angeboten, weil sich dort seit Jahrtausenden Partikel von der nahen Costa Tropical angesammelt haben, wo die alten phönizischen Hafenstädte Ex, heute Almuñecar, oder Avdera, heute Adra (Almería), lagen. Untermauert wurden diese Partikel-Analysen durch vergleichende Studien in der Sierra de Baza und der Sierra de Gador, beides Vorgebirge der Sierra Nevada.

Abgebaut wurden zu der Zeit neben Blei auch Kupfer und in kleinerem Umfang Gold und Silber. Lozano: "Das Blei wurde von den Phöniziern und später von der Industrie des Römischen Imperiums in erster Linie nach Huelva im Westen Andalusiens gebracht, wo es zur Verarbeitung des Silbererzes diente."

Man fand auch versunkene Schiffe jener Epoche, die mit Blei beladen waren. Der Bleiabbau und die Verschmutzung durch jenes Schwermetall erreichte erstmals vor 2.900 Jahren einen Höhepunkt, just als auch die Silbergewinnung in Río Tinto ein erstes Mal aufblühte. Wie die Sedimentanalyse zudem zeigte, war die Bleiverschmutzung zur Zeit der Römer ebenfalls annähernd so hoch und damit vergleichbar wie zur Zeit der industriellen Revolution und dem Wiedererstarken der südspanischen Bergbauindustrie vor knapp 300 Jahren.

Erst die Einführung von bleifreiem Sprit und eine strengere Gesetzgebung für die Industrie haben zu einem signifikanten Nachlassen der Blei- und Schadstoffbelastung durch Verbrennungsrückstände in jüngerer Zeit geführt. (Jan Marot, DER STANDARD, 1.6.2013)

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