Energie zapfen im ungestümen Auf und Ab der Wassermassen

1. Juni 2013, 17:58
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Das erste kommerzielle Wellenkraftwerk der Welt im baskischen Mutriku trotzt Wind und Sturm und erzeugt saubere Energie für bis zu 600 Menschen

 Seit Jahrhunderten ist die Bucht von Biskaja im Nordosten Spaniens ein von Seefahrern gefürchteter Flecken; unter Windsurfern und Wellenreitern gilt sie als sturmgepeitschtes Paradies.

Seit 2011 machen sich die Betreiber eines ambitionierten Pilotprojektes die dort wirkenden Kräfte zunutze. Es ist das Wellenkraftwerk vor dem Hafen des beschaulichen, 5000 Einwohner zählenden Städtchens Mutriku, das sich schon eine gewisse Reputation erworben hat. Es ist das erste kommerzielle Wellenkraftwerk der Welt. Nachfolgeprojekte gibt es auf dem portugiesischen Azoreneiland Pico und auf der schottischen Hebrideninsel Islay. Alle drei erhalten unter dem Titel "6. Rahmenprogramm" Fördermittel der Europäischen Union.

Betreiber des Kraftwerks ist die Ente de Energía Vasco (EVE). Die nach dem Prinzip pneumatischer Kammern (OWC-Technologie, auf Deutsch: Schwingende Wassersäule) gewonnene elektrische Energie wird seit kurzem in das europäische Stromnetz eingespeist. Nach Angaben von Ingenieur Yago Torre-Enciso sind es aktuell etwa 400.000 Kilowattstunden Strom. Das reicht für 300 bis 400 Personen und ist ausbaubar auf bis zu 600.

"Unsere bisherigen Erfahrungswerte sind normal", sagte Torre-Enciso dem STANDARD. "Nicht sehr gut, aber auch nicht sehr schlecht, wie eben bei allen Pilotprojekten."

In den ersten Jahren musste an der Feinabstimmung gearbeitet werden. Schäden durch einige schwere Stürme erschwerten das Vorhaben in den vergangenen Jahren deutlich. Ein Wassereinbruch habe den gesamten Kontrollraum zerstört, erzählte Torre-Enciso. Dies seien Probleme, die Wellenkraftwerke auch andernorts plagten. Zudem würden Wetterextreme durch den Klimawandel zunehmen.

Die Funktionsweise des um zwei Millionen Euro errichteten Kraftwerks in Mutriku ist simpel: Durch Wellen, die auf einen Deich treffen, wird die ein- und ausströmende Luft durch eine Art Windgenerator - die nach dem nordirischen Ingenieur Alan Wells benannte Wells-Turbine - gepresst. Ergebnis ist ein Stromfluss. Ausgelegt ist das Kraftwerk auf 296 Kilowatt und eine jährliche Leistung von 600.000 Kilowattstunden. Damit lassen sich 600 Tonnen CO2 pro Jahr einsparen.

Verglichen mit Windenergie ist Wellenkraft mit bis zu zehn Cent je Kilowattstunde noch teuer. Konkurrenzfähige Preise liegen zwischen drei und fünf Cent je Kilowattstunde.

Lokale Proteste

Aber auch der Protest lokaler Umweltschützer, die vor möglichen Schäden für das Ökosystem gewarnt hatten, sowie Anwohner, denen der heulende Lärm der Anlage zu viel war, erschwerten den Start. Umweltbedenken hingegen räumt Torre-Encisco aus: "Das Wellenkraftwerk ist in einem ohnehin seit 2005 geplanten Deich errichtet worden, der die Umweltverträglichkeitsprüfung positiv bestanden hat. Zusätzliche bauliche Einschnitte waren nicht mehr notwendig." Meeresbiologen würden zudem die Umgebung der Anlage regelmäßig untersuchen.

Durch die Kraft der Wellen könnten rund 15 Prozent des Weltenergiebedarfs gedeckt werden, kalkuliert der in London beheimatete Weltenergierat. Noch stecken andere Technologien zu deren Ausbeutung aber in den Kinderschuhen, klammert man die Gezeitenkraftwerke wie das 1966 bei Saint-Malo in der Bretagne errichtete einmal aus.

Um die Kraft der Wellen zur Stromerzeugung zu nutzen, sind auch sogenannte "Seeschlangen" in Pilotversuchen fern der Küsten im Erprobung, darunter das nach der altgriechischen Bezeichnung jener Lebensform benannte Unternehmen Pelavis Wavepower. Sie gleichen überdimensionalen Meeresungeheuern und erzeugen Strom mittels hydraulischer Gelenke, die die einzelnen Glieder der Konstruktion im Auf und Ab der Meeresoberfläche entnehmen.

Experimentiert wird bei der Energiegewinnung auch mit speziellen Rampen und Plattformen. Auch EVE wird eine Wellenenergieplattform in Betrieb nehmen, kündigte Torre-Enciso an. Die Energieausbeute sei deutlich höher, die Stromgewinnung aber auch komplizierter. (Jan Marot/DER STANDARD, 1.6.2013)

  • Branden die Wellen gegen den Deich von Mutriku, wird in seinem Inneren Strom erzeugt.
    foto: eve

    Branden die Wellen gegen den Deich von Mutriku, wird in seinem Inneren Strom erzeugt.

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