Flucht aus Afghanistan: "Ich hab mir gedacht, jetzt werde ich tot"

31. Mai 2013, 18:32
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Tausende afghanische Kinder und Jugendliche werden von ihren Eltern allein auf die Reise in den "goldenen Westen" geschickt. Hunderte von ihnen stranden in Österreich. Ein junger Afghane schildert die Flucht

Graz - Ein Heer flauschiger Wächter beschützt ihn, wenn es Nacht wird. Gremlins, Elefanten, Katzen, Bären, Plüschhunde lauern dicht gedrängt am Kopfende von Amids Bett. "Ich kann wieder gut schlafen", lächelt Amid. Seit er über 18 Jahre ist, wohnt er mit zwei Freunden in einer Garçonnière im Caritas-Mehrparteienhaus für erwachsene Asylsuchende in der Grazer Wienerstraße.

Kein Ort zum Ankommen

"Ich habe lange nicht schlafen können - wegen meiner Familie", sagt Amid (Name von der Redaktion geändert). "Sehr, sehr lange" sei er jetzt weg von der Familie und Monate unterwegs gewesen, irgendwo zwischen dem Iran, der Türkei, Griechenland. In Bussen, Lastwägen, im Schlepperboot.

Amid gießt zur Aufwartung Orangensaft aus dem Tetrapak ins Kaffeehäferl. Das Fenster steht offen, der Verkehr dröhnt von der Wienerstraße herauf, die entlang alter Autohäuser, Spelunken, grell gefärbelter Maklerbüros und Bruchbuden aus der Stadt hinausführt. Nicht unbedingt ein Ort zum Ankommen. Im Fernseher läuft Euronews. "Das schau ich mir gerne an", sagt Amid. Weil sie immer wieder Bilder aus der Heimat senden.

"Bitte geh weg"

Knapp drei Jahre ist es her, als Amid im Bus nach Österreich transportiert wurde. "Ich hab nicht gewusst, wohin wir fahren, der Fahrer hat mich irgendwo unter einem Sessel versteckt. Ich war zwei oder drei Tage dort, ich hab keine Luft bekommen und mir gedacht, jetzt werde ich tot", lacht Amid. Er stellt den Fernseher leiser und blickt aus dem Fenster ins Leere: "Mit vielen Tränen in den Augen" habe ihn seine Mutter gedrängt: "Bitte geh weg, dein Vater ist gestorben, ich will nicht, dass ich auch noch einen Sohn verliere."

Die Feinde aus der Heimat in Afghanistan, die Taliban, hätten die Familie bis in den Nordiran, wohin sie geflohen waren, verfolgt. "Wir haben ja aus Kabul flüchten müssen, die Taliban wollten das Stück Land, das mein Vater besessen hat. Mein Vater aber hat gesagt, 'Nein, das gehört mir'."

Taliban-Terror

Dann habe der Terror begonnen. Gemeinsam mit den Eltern, den drei Schwestern und dem kleinen Bruder flüchteten sie über die Grenze in den Iran. "Am Anfang waren wir in Teheran. Eine strenge Stadt. Mädchen dürfen nicht ohne Kopftuch auf die Straße, auch Touristinnen nicht. Wir haben schwarz im Iran gelebt, nur der Vater hatte Papiere. Wir gingen in den Norden, ich arbeitete in einer Mehlfabrik. Auf einmal sind diese Leute aufgetaucht. Sie haben mich mit dem Messer gestochen. 'Irgendwann machen wir dich tot', haben sie gesagt. 'Wir kennen deinen Vater.' Dann ist er verschwunden. Wir haben gewartet, jeden Tag, aber er ist nicht mehr gekommen. Meine Mutter hat dann zu mir gesagt: 'Wenn du hierbleibst, verlier ich auch dich. Du musst von hier weggehen'."

Da tauchte ein Freund des Vaters auf. Dieser bot an, alles zu organisieren. "Ich schicke dich in ein ruhiges Land", habe er versprochen. Amid setzte das gesamte Ersparte ein: 4000 Euro.

Von Irans Norden rattert der Kleinbus zum Flughafen Teheran. Umsteigen. Auf dem Lastwagen zur Grenze. Andere Schlepper warten bereits, die Menge ist inzwischen größer geworden. Von Irans Grenze führt der Schleichweg über die Berge in die Türkei.

20 Tage eingesperrt

"Wir mussten ganz leise sein. Die Polizei wartete auf dem Berg. Unsere Führer sagte immer, wenn geschossen wurde, wir sollen nur leise sein und nur gehen, nur gehen. Es waren viele, viele Leute. Auch Familien mit kleinen Kindern. Die durften auf Pferden sitzen. Es war sehr schwer, ich bin hundertmal hingefallen. Ich hatte einen großen Rucksack, es hat geregnet, und dann kam Schnee, es war sehr kalt, es war Winter. Am Abend sind wir weg und am nächsten Morgen waren wir in einem türkischen Dorf", sagt Amid.

Von dort ging es mit einem Lkw nach Istanbul. Und immer wieder warten, irgendwo. Amid: "Dann war da so ein Segelschiff, das uns nach Griechenland brachte. In der Nacht. Dort warteten Polizisten. Sie wollten einen Passport, dann haben sie mich 20 Tage eingesperrt."

Endstation beim Flughafen

Irgendwie kam Amid nach Athen. Plötzlich war wieder ein Freund des Vaters zur Stelle. "Ich schicke dich in ein anderes Land", habe er gesagt und telefoniert. Dann saß Amid im Bus nach Österreich, unter einem Sitz versteckt. Unendlich lange. Beim Wiener Flughafen stoppte der Bus. Der Fahrer rief: "Alles aussteigen, Endstation." Amid: "Ich hab noch gefragt, wo bin ich, wo sind wir? Der Schlepper hat nur gesagt: 'Ciao'."

Amid ist seit kurzem "positiv beim Asyl", er beginnt eine Mechanikerlehre. "Ich kann hier in Ruhe leben, das ist alles, was ich mir wünsche. Und dass meine Mutter hier ist." Amids Blick lenkt sich mit Bildern aus dem Nahen Osten in Euronews ab. Dann schaut er kurz zu den Stoffbären hinter dem Fernseher und lächelt wieder etwas verlegen.

1500 junge Asylsuchende

In Österreich werden aktuell 1064 Jugendliche unter 18 Jahren, darunter 51 Kinder, die jünger als 14 Jahre sind, über die staatliche Grundversorgung betreut. 2012 haben 1500 Minderjährige um Asyl angesucht, der Großteil kam aus Afghanistan. Ein Teil bekam bereits Asyl, ein Teil fand auch private Unterstützung. (Walter Müller, DER STANDARD, 1./2.6.2013)

  • Nach einer Odyssee durch den Iran und die Türkei landete der junge Afghane in Österreich.
    foto: elmar gubisch

    Nach einer Odyssee durch den Iran und die Türkei landete der junge Afghane in Österreich.

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