Eine künstliche Ölpest lässt sich auch natürlich lösen

2. Juni 2013, 16:20
9 Postings

Das niederösterreichische Unternehmen Bioversal setzt auf Biotechnik - gegen die Chemielobby tut man sich aber schwer

Wien - Von einem Wundermittel will Franz Kitzwögerer nichts wissen. " Wenn man uns etwas Schlechtes tun will, dann spricht man von einem Wundermittel", sagt der Geschäftsführer von Bioversal. "Wir stoßen mit unserem Produkt nur die Natur an, Wunder zu wirken."

Bioversal ist ein kleines Unternehmen aus Breitenfurt in Niederösterreich, das sich darauf spezialisiert hat, Ölprobleme möglichst ökologisch und nachhaltig zu lösen. Das vertriebene Mittel kann bei Autounfällen mit minimalem Ölaustritt genauso eingesetzt werden wie bei Tanker-Unfällen im offenen Meer, bei Katastrophen auf Ölplattformen oder Unfällen wie zerrissenen Ölpipelines im Niger-Delta. Bioversal dürfte sich mangels potenzieller Kundschaft nicht beschweren: Die Förderung von Ölsand in ökologisch sensiblen Gebieten in Kanada oder das Anzapfen von Ölquellen in der Arktis sind längst keine Tabus mehr. Und wo gehobelt wird, da fallen Späne - oder fließt eben mal Öl an den Leitungsrohren der Multikonzerne vorbei.

Allein: Zum Zug gekommen ist Bioversal noch bei keiner großen Ölkatastrophe. "Da setzen die sogenannten Experten lieber auf die Anwendung von chemischen Langzeitlösungen", sagt Kitzwögerer dem Standard. "Mit denen können Konzerne richtig verdienen." Beispiel Deepwater Horizon: Bei der Ölpest 2010 im Golf von Mexiko sollen rund 800 Millionen Liter Öl ausgetreten sein. Um den Ölteppich zu beseitigen, sollen 6,8 Millionen Liter Chemikalien eingesetzt worden sein.

BP mit Nalco verbandelt

Der Ölkonzern BP vertraute auf das von der US-Regierung genehmigte und für Menschen nicht ungefährliche Gemisch Corexit 9500, das vom Chemiekonzern Nalco hergestellt wird - in dessen Aufsichtsrat auch BP sitzt. Die Beziehung zu BP brachte Nalco 40 Millionen Dollar Umsatz. Trotz der Chemikalien sind bis heute Ölwolken im Meer verblieben. "Wir haben der Regierung auch unser Mittel angeboten", sagt Kitzwögerer. " Gegen diese Lobby hatten wir aber keine Chance." In Großbritannien ist Corexit wegen seiner hohen Toxizität schon seit 13 Jahren verboten. " Auch die US-Umweltschutzabteilung EPA hat Corexit mittlerweile auf die Liste gesetzt", sagt Kitzwögerer.

Was hätte das Mittel der Firma Bioversal aus Niederösterreich mit acht Leuten in der Produktion und drei Angestellten im Vertrieb anders machen können als das gefährliche Produkt des Chemie-Milliardenkonzerns? " Chemie schafft es nicht, das Öl zu einem biologischen Abbau zu bringen", sagt der 61-Jährige. "Unser Mittel beschleunigt hingegen mit einem pflanzlichen Wirkstoff, dem Bio-Aktivator, den natürlichen Abbau." Das Öl wird von den angezogenen Mikroorganismen beschleunigt in die unschädlichen Reststoffe Wasser und CO2 zersetzt. "Wir helfen der Natur, dass sie sich selbst helfen kann."

Bevor Bioversal zum Einsatz kommt, sollte Öl schon so gut wie möglich mit mechanischen Mitteln (abschöpfen, Ölbindemittel) aus der Natur entfernt worden sein. "Die Dimension bei der Deepwater-Horizon- Katastrophe war aber so groß, da hätte man eh nicht abschöpfen können", sagt Kitzwögerer. "In diesem Fall muss man sofort behandeln. Aber biologisch - nicht chemisch."

Bei Ölunfällen in der Adria kam das Mittel bereits zum Einsatz, auch Spanien setzt darauf, in Italien darf per Dekret nur Bioversal verwendet werden. Auch bei Ölunfällen, die bei den Donau-Überflutungen 2002 und 2006 in Niederösterreich passierten, wurde Bioversal gesprüht.

Als größte Öko-Katastrophe sieht Kitzwögerer derzeit die Ölpest im Niger-Delta, wo in veralteten Pipelines seit 50 Jahren Öl ausrinnt. "Mit unserem Produkt könnten wir dort sofort die Toxizität für die Pflanzen- und Tierwelt verringern", sagt Kitzwögerer. Das sozialpolitische Dilemma der Fischer, die keine Arbeit mehr haben, ließe sich damit ebenfalls anpacken. Händler stellen bei einer Konferenz in Abuja, der Hauptstadt von Nigeria, gerade Bioversal vor. Allerdings: Die Firma Exxon, die für einige Ölkatastrophen verantwortlich zeichnet, ist ebenfalls mit dem Chemiekonzern Nalco verbandelt. (David Krutzler, DER STANDARD, 1.6.2013)

Share if you care.