Die Quadratur des Akazienbaumes

31. Mai 2013, 17:58
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Lois-Weinberger-Retrospektive im Tiroler Landesmuseum

Innsbruck - In sanften Schwingungen wachsen scheinbar im Eck des Treppenaufgangs zur Ausstellung Baumschwämme. Ein White Cube als Wirt für die Natur oder die Umkehrung von Natur in Kultur? Das ist eine Debatte, die der Künstler Lois Weinberger seit den 1990er-Jahren bis heute mitbestimmt. Die aktuelle Werkschau im Tiroler Landesmuseum ist ein gelungenes Gesamtkunstwerk aus Fotografien, Texten, Zeichnungen und Objekten.

Eindrücklich ist Weinbergers frühe bildhauerische Phase. So legte er 1982 im elterlichen Bauernhof in Stams einen Raum komplett mit weißen Kartons aus und installierte in diesem "White Cube" einen Regenbogen aus Holzstecken. Wenn sich dann widerständig eine Pflanze durch den Karton bohrte, hatte sich die von ihm gewünschte Konfrontation eingestellt: " Anfänglich in Tirol war es mir wichtig zu beobachten, wie sich Natur und Kultur auf ein symbiotisches Verhältnis einlassen", betont der 1947 in Stams geborene Künstler.

Fortan verlagerte sich Weinberger auf "Unkraut" und erweiterte seinen Arbeitsradius über die Begehung von Brachen, Städten und Randzonen bis nach Wien: 1988 verpflanzte er für Gebiet I Wildpflanzen aus dem Stadtgebiet auf eine 600 Quadratmeter große Randzone. Dieser Pflanzentransfer, der ironisch damit droht, dass sich unreine Pflanzen als "Masse" erheben, um das geordnete Regime der Stadt zu stören (Tom Trevor), beeinflusste auch seine politischen Arbeiten: Das Quadrat von Mondrian hat Weinberger aus Ästen einer Akazie gefertigt (Katholischer Mondrian, 1994/2005).

Dem auf einem Holzbrett verewigten Titel "Kein Unkraut mehr!" stellt er Fundstücke aus der Heimat und ein Gebet für eine Voodoofigur gegenüber. Ist doch der Ausspruch einem Agrarbericht von 1939 entnommen, der vor dem "ausländischen Unkraut" warnte. Fast schon legendär Weinbergers gesellschaftliche Metapher für Widerstand: Für die Documenta X (1997) pflanzte er auf einem aufgelösten Bahngleis wilde Pflanzen aus Süd- und Südosteuropa. Die so im deutschen Kassel angekommenen "Immigranten" gedeihen seitdem prächtig. Als kommentarlose Bestandsaufnahmen sind Weinbergers neueste Arbeiten zu sehen, für die er sorgfältig Exkremente von Ottern, Wasseramseln, Bisamratten oder Steinmardern auswäscht. Die darin gefundenen Bruchstücke, Zeitungsfetzen, Kerne klebt er zu pointillistischen Collagen: ein Archiv tierischer, aber auch menschlicher Natur- und Zivilisationsräume.

Ebenso kommentarlos gibt der Künstler in Botanica Pflanzenseelen als modellierten Köpfe auf Stecken ein vermenschlichtes Gesicht. Aber kein Haus, wie nebenan ein zusammengefallenes Gewächshaus versinnbildlicht. Denn es ist unmöglich, für die Natur ein Haus zu bauen. Und genau dieser setzt er seine mit Erde gefüllten Kübel auf dem Balkon des Landesmuseums aus. Dass unter freiem Himmel hoffentlich auch ein paar Bienen dazu beitragen, dass mit der Zeit ein Garten entsteht.  (Tereza Kotyk, DER STANDARD, 1./2.6.2013)

  • Pflanzenseelen zu Gast in Form von Menschenantlitzen: "Botanica" von Lois Weinberger.
    foto: landesmuseum

    Pflanzenseelen zu Gast in Form von Menschenantlitzen: "Botanica" von Lois Weinberger.

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