Meerjungfrau und Mittelmaß

31. Mai 2013, 17:43
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Die Wiener Symphoniker mit Dirigent David Stern

Wien - Die schöne Melusine: Der Klassikferne, der hierbei an eine verführerische Südfrucht denkt, fehlt nicht weit. Die Trägerin des klingenden Namens ist ein Mädchen und Teilzeit-Meerjungfrau. Die Märchengestalt ist jedoch zur ewigen Existenz im kühlen Nass verdammt, als der neugierige Geliebte ihr verbotenerweise an ihrem Badetag nachstellt.

Neugier als Beziehungskiller, "nie sollst du mich befragen": Neben dieser inhaltlichen Parallele zu Lohengrin gibt es bei Felix Mendelssohn Bartholdys Konzertouvertüre auch noch eine musikalische zum Rheingold: Richard Wagner soll sich vom Melusinenthema zum Wellenmotiv anregen haben lassen. Und bezaubernd ist das lichte Wogen ja wirklich: Die Wiener Symphoniker präsentieren es gewinnend zart, musizieren in weiterer Folge mal brav, mal straff; das energische Wirken David Sterns am Dirigentenpult hat jedoch einen eher moderaten Gefühlswellengang zur Folge.

Kein Esprit, kein Witz

Ein Kind des Kalmierens und der falsch verstandenen Konvention dann Rudolf Buchbinders verwechselbare Interpretation von Mozarts Es-Dur- Klavierkonzert K 482. Man dürstet schnell nach Esprit, Spielwitz, nach einer pointierten Charakterisierung der Themen und bekommt doch nur überwiegend glatte, zu wenig gestaltete Läufe serviert.

Das Hauptthema des Kopfsatzes wird ohne Lebendigkeit präsentiert, das erste Thema des Andante wie an einer endlos langen Schnur gezogen. Das soll wohl Understatement sein. Wenigstens bringt das Holz im Mittelsatz Farbe und Elastizität ins Spiel. Ein wenig Akzent-Bashing plus öde Laufstrecken im dritten. Buchbinder, der Meistbeschäftigte der österreichischen Pianisten, weiß kantige, vitale, vielschichtige Beethoven-Interpretationen zu bieten oder auch Schubert, der mit Schlichtheit überzeugt. Dieser Mozart zeitigt lediglich gähntherapeutische Wirkung.

Bemüht, unterhaltsam, mitunter auch etwas ungenau dann Beethovens Achte. Gleich zu Beginn antworten die Bläser auf den ersten Tutti-Viertakter nicht piano und dolce, sondern auch fast forte; bei Eintritt der Reprise hört man die Celli und Kontrabässe mit dem Hauptthema kaum durch, und das, obwohl das von Beethoven geforderte dreifache Forte eh geflissentlich ignoriert wird. Dass Stern viel mit Originalklang zu tun hat, merkt man seinem Beethoven nicht an. Ein Abend im Zeichen des Mittelmaßes.  (Stefan Ender, DER STANDARD, 1./2.6.2013)

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