Frische Brise statt dicker Luft in der Stahlstadt Linz

2. Juni 2013, 12:00
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"In Linz geboren - allein das ist ein fürchterlicher Gedanke", merkte Thomas Bernhard in "Heldenplatz" an. Stimmt nicht, sagt einer, der dort geboren wurde. Linz und seine Bürger haben viel für ein neues, sauberes Image getan

Linz - Es sind nachhaltige Erinnerung einer Kindheit in der Stahlstadt: BMX-Räder standen zu diesem Zeitpunkt gerade schwer in Mode, und gecruist wurde gern und entsprechend lässig am Damm entlang der Donau. Nur der Form halber soll hier nicht unerwähnt bleiben, dass der Autor dieser Zeilen damals einen geländetauglichen Drahtesel mit dem respekteinflößenden Namen "Hunter" fuhr: Dreigang-Knüppelschaltung, Federgabel, breite Bereifung. Noch Fragen?

Atempause für die Fisch

Der "Circuit de Monaco" der Linzer Radjugend war zumeist die Strecke vom sogenannten Pleschinger See donaufwärts bis zum Kraftwerk Abwinden- Asten: Sonne, Wasser, Freiheit - schlechte Luft. Auf der Höhe der heutigen Voestalpine und der damaligen Chemie Linz AG gab es unter uns "Freeridern" ein fixes Ritual: Auf Kommando galt es, die Luft anzuhalten und mit entsprechend blödem Gesichtsausdruck durch die stinkende Abgaswolke der nahen Schwerindustrie zu radeln.

Wer vor dem Ende der meist gelben, oft aber auch roten Wolke als Erster nach Luft (!) schnappte, war beim anschließenden Besuch im "Kilimanjaro" - dem lokalen Steckerlfischstand - für die Getränke verantwortlich.

"In Linz, da stinkt's"

Seit Beginn der 1980er-Jahre nahmen die Probleme mit den Hauptluftschadstoffen Schwefeldioxid, Stickstoffdioxid und Staub in Linz zu - nicht zuletzt aufgrund der laufenden Erweiterung der Großindustrie. Der über der Stadt liegende Smog wurde zu einem bestimmenden Thema in der öffentlichen Diskussion. Als Kind ging man noch relativ entspannt mit der eigentlich belastenden Situation um: Die regelmäßigen Ausflüge mit den Eltern ins Mühlviertel waren eine willkommene Abwechslung, das obligatorische Endlich-einmal-Durchschnaufen vom Vater wurde da nicht weiter ernst genommen.

In den Straßenbahnen der Landeshauptstadt wurde ein Ausflug auf den Pöstlingberg empfohlen - mit einer Sonnengarantie über der Smogdecke. Und der damals oft gehörte Spruch "In Linz, da stinkt's" fand in Kinderohren durchaus Anklang und regte zu allerlei Umdichtungen an.

"In der Sahara staubt's auch"

Tatsächlich war die Situation zu diesem Zeitpunkt für viele Linzer dramatisch. Die Linzer Politik hatte zwar bereits in den Jahren zuvor Maßnahmen gesetzt, die zur Verbesserung der Umweltsituation beitragen sollten. Am Ende der Ära von Bürgermeister Franz Hillinger im Jahr 1983 wurde erstmals in der Linzer Stadtgeschichte ein eigenes Amt für Umweltschutz eingerichtet.

Die Schritte gingen jedoch nicht weit genug, vor allem aufgrund der befürchteten wirtschaftlichen Standortnachteile. Hillinger schreckte zurück, als Stimmen lauter wurden, auch die verstaatlichte Industrie mit Umweltschutzmaßnahmen in die Pflicht zu nehmen. Legendär wurde in diesem Zusammenhang der Ausspruch Hillingers: "In der Sahara staubt's auch".

Bürgerinitiative gegen schlechte Luft

Doch der Bürgerprotest war zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr aufzuhalten. Schon im Herbst 1982 hatte sich die Bürgerinitiative "Linzer Luft" gegründet. Die erste große Aktion der Linzer Luftrebellen war eine Unterschriftenaktion im Jahre 1983, bei der sechs Forderungen aufgestellt wurden. Es konnten 10.000 Unterschriften gesammelt und ein erster Erfolg verbucht werden: die Trichlorphenolanlage der Chemie Linz AG wurde durch den Druck der Öffentlichkeit gesperrt. Im Herbst 1984 wurde die erste Ausgabe der Zeitung der Linzer Luft, die Luftpost, gedruckt, mehrere Schweigemärsche wurden organisiert.

Arbeitsplatzvernichter

"Doch die Situation war schwierig damals", erinnert sich der langjährige Sprecher der Bürgerinitiative, Gottfried Selgrad, im Gespräch mit dem STANDARD. "Eine Bürgerinitiative, das waren 'grüne Spinner'. Wir standen zwischen den Fronten. Die Politik wollte anfangs nicht mit uns reden, und die Wirtschaft hat uns als Arbeitsplatzvernichter hingestellt."

Der Unmut der Bevölkerung bewirkte auch ein langsames Umdenken in der Reihen der Stadtpolitik. Die SPÖ zog 1985 unter der Federführung des damaligen Bürgermeisters Hugo Schanovsky mit dem Slogan "Linz muss die sauberste Industriestadt Österreichs werden" erfolgreich in den Gemeinderatswahlkampf.

Unterschiedlicher Druck

Zudem bekam Linz erstmals einen Umweltstadtrat: den heutigen Vorsitzenden der SPÖ Oberösterreich, Josef Ackerl. "Dass ab Jänner 1986 endlich begonnen wurde, in Linz etwas gegen die schlechte Luft zu unternehmen, lag vor allem daran, dass es plötzlich einen zuständigen Politiker für den Umweltschutz gab. Von politischer Seite konnte nun jemand unseren Druck an die Großindustrie weitergeben", erzählt Selgrad.

Doch genau jenen Druck des aufgebrachten Bürgertums sieht Ackerl heute nicht unkritisch: "Die Situation war mitunter schwierig. Einerseits brauchten wir Ruhe für die Verhandlungen mit den Vertretern der Großindustrie, andererseits machte die Bürgerinitiative mit Wahrheiten und Halbwahrheiten Stimmung."

Saubere Industriestadt und Luftsanierungsgebiet

Doch der Druck der Bürger, die Konsequenz der Politik und der Veränderungswille der Industrie führten letztlich zum Erfolg: Die Linzer Luft wurde deutlich besser. Durch die getätigten Investitionen konnte bis 1990 die Belastung durch die Schadstoffe Schwefeldioxid, Stickstoffdioxid und Staub von insgesamt 47,3 auf 23,3 Tonnen reduziert werden. Bis zum Jahr 1996 konnte eine weitere Senkung dieser Emissionen auf 12,7 Tonnen erreicht werden.

Linz zählt heute dank steter Umweltmaßnahmen zu den saubersten Industriestädten - und gilt dennoch als Luftsanierungsgebiet (Feinstaub, Stickoxide). Aber zumindest die Radfahrt an der Donau ist heute ohne Luftanhalten möglich. (Markus Rohrhofer, DER STANDARD, 1./2.6.2013)

  • Der massive Protest der "Linzer Luft" ab 1987 verhinderte letztlich den geplanten Bau einer Sondermüllverbrennungsanlage auf dem Voest- Gelände.
    foto: gottfried selgrad

    Der massive Protest der "Linzer Luft" ab 1987 verhinderte letztlich den geplanten Bau einer Sondermüllverbrennungsanlage auf dem Voest- Gelände.

  • Das Logo der Bürgerinitiative "Linzer Luft".
    grafik: der standard

    Das Logo der Bürgerinitiative "Linzer Luft".

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