Eine extra für dich vergrabene Sprengfalle

31. Mai 2013, 17:28
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Der amerikanische Autor und Irakkrieg-Veteran Kevin Powers legt mit "Die Sonne war der ganze Himmel" einen bildstarken Antikriegsroman vor

Wien - Das Beste, das sich über einen Krieg berichten lässt, ist, dass man ihn überlebt hat. Der Rest ist Heldenverklärung, wie diese seit den 1950er-Jahren mit durchaus beständigem Erfolg etwa in der mittlerweile fast 3000 Folgen aufweisenden Kriegsroman-Groschenheft-Reihe Der Landser im deutschen Sprachraum in fünfstelliger Auflage nach wie vor betrieben wird.

Pseudodokumentarisch entworfene Einzelschicksale im deutschen Heer und die Strapazen, Leiden und Heldentaten der Soldaten sollen die dunkelschwarzen Flecken der Geschichte überdecken. Hier wird tatsächlich einmal Geschichte von den Verlierern geschrieben, immer hart an der Wiederbetätigung vorbeischrammend.

Lieber als von den Bodentruppen wird traditionell von den Helden der Lüfte oder jenen tief unter dem Meer in den U-Booten berichtet. Man kann so eventuelle "Kollateralschäden" bei Zivilisten leichter umgehen. Aber der Frontsoldat tötet ja bekanntlich nie innerhalb einer Tötungsmaschinerie im politischen Auftrag, er wehrt sich nur individuell gegen den bösen Feind. Es gibt keine Kollektivschuld, deshalb meistern manche ihr Einzelschicksal ritterlicher als andere.

Völlig anders verhält es sich beim Debüt des 1980 geborenen US-amerikanischen Autors Kevin Powers. Der Autor selbst diente in den Jahren 2004 und 2005 als Maschinengewehrschütze der U. S. Army im Irak in der Provinz Ninive. Und er erlebte dort nicht nur die Grausamkeit und Sinnlosigkeit eines Kriegs ohne offene Schlacht, der doch laut dem damaligen US-Präsidenten George W. Bush schon 2003 gewonnen war: "Mission accomplished!"

Innerlich tot

So wie sein Autorenkollege Tim O'Brien zuvor in seinem den Vietnamkrieg in ähnlich radikal subjektiver Weise beschreibenden Klassiker Dinge, die wir trugen erlebt auch der Icherzähler von Kevin Powers' schlankem Debütroman Die Sonne war der ganze Himmel eine komplette persönliche Desillusionierung.

In bruchstückhaften Teilen erinnert sich Private John Bartle an die blutigen Einsätze seines Platoons in der nordirakischen Stadt Al Tafar und all das Blut, die Leichenteile und zerstörten Häuser: "Ich hätte es damals nicht in Worte fassen können, aber man hatte mich darauf gedrillt, den Krieg als großen Vereiner zu sehen, der die Menschen enger zusammenschweißt als jedes andere Ereignis auf Erden - vollkommener Unsinn, denn der Krieg bringt unzählige Solipsisten hervor: Wie wirst du heute mein Leben retten? Zum Beispiel durch deinen Tod, denn wenn du stirbst, wird mein Überleben etwas wahrscheinlicher."

Und John Bartle erinnert sich daran, wie er und sein jüngerer Freund Daniel Murphy, beide aus demselben Kaff in Virginia stammend, tagelang auf Hausdächern festsaßen, auf blutige Gehsteige, ausgebrannte Fenster und verwesende Leichen starrten, um schließlich auf alles zu schießen, was sich bewegte. Zum Wachbleiben in dieser Situation ständiger Bedrohung, Ausweglosigkeit und milder Panik nimmt man Amphetamine, damit die Augen offenbleiben, hilft Tabascosauce.

John Bartle hat vor dem Irak Daniels Mutter versprochen, ihren Sohn lebend und in einem Stück wieder nach Hause zu bringen. Bevor dieses Versprechen für ihn gebrochen wird, stumpfen beide ab, verlieren jedwede Empathie, sterben innerlich ein weites Stück: "Ich musste durchhalten. Und um durchhalten zu können, musste ich einen klaren Blick bewahren, mich auf das Wesentliche konzentrieren. Unsere Aufmerksamkeit gilt meist dem, was selten ist, und der Tod war keine Seltenheit. Eine Seltenheit war das Geschoss mit deinem Namen darauf, war die extra für dich vergrabene Sprengfalle. Darauf achteten wir."

Einmal werden John Bartle und einige andere Soldaten fasziniert um einen Kameraden herumstehen und beobachten, wie er qualvoll an einem Bauchschuss stirbt. Kurz vor dem Tod - sein Gesicht ist bleich, die Lippen purpurn, der Körper zuckt in Agonie - beugen sie sich hoffnungsvoll zu ihm hinunter, um seine letzten Worte zu hören. Er stirbt, ohne noch ein Wort zu sagen. Enttäuscht wendet sich die Gruppe von der Leiche ab, Bartles Zugkommandant antwortet auf dessen diesbezügliches Murren lakonisch, das würden Sterbende eigentlich nie machen.

Gratisschnäpse als Belohnung

Wieder zu Hause in Virginia wird John Bartle als Held gefeiert und in den Bars mit Schulterklopfen und Gratisschnäpsen belohnt werden. Er hat auf Frauen, Männer und wohl auch auf ein paar Soldaten geschossen, auf Autos, die mit weißer Flagge durch die Straße fuhren.

Er erlebte Selbstmordattentate aus mittelbarer Nähe, lebte in ständiger Angst vor Heckenschützen. Er war dabei, wie Gefangene brutal verhört wurden. Er kämpfte in einem fremden unwirtlichen Land für dessen Freiheit und die Freiheit seines Heimatlandes Amerika. Jetzt frisst John Bartle Müll aus dem Supermarkt in sich hinein und schießt aus Langeweile vom Dach des Wohnblocks, in dem er haust, auf den Müll in seinem Hinterhof.

Das Beste, das sich über einen Krieg berichten lässt, ist, dass man ihn überlebt hat. Daniel Murphy wird im Irak sterben. Aber auch John Bartle kehrt als zerstörter Mensch heim. Mit Die Sonne war der ganze Himmel liegt ein von Henning Ahrens übersetztes, eindringliches literarisches Dokument des Irakkriegs vor, das wie jedes große Kriegsbuch natürlich ein Antikriegsroman ist. Bruchstückhaft und trotz aller geschilderten Brutalitäten in teilweise poetischen Bildern der Zerstörung und des Zerfalls verdichtet Kevin Powers seine Erinnerungen zu einer fiktiven Geschichte. Sie bleibt aber immer auch eines: ein Dokument.  (Christian Schachinger, DER STANDARD, 1./2.6.2013)

Kevin Powers, "Die Sonne war der ganze Himmel". Aus dem Amerikanischen von Henning Ahrens. € 20,60, 240 Seiten, S. Fischer, Frankfurt am Main 2013

  • "Wie wirst du heute mein Leben retten? Zum Beispiel durch deinen Tod, denn wenn du stirbst, wird mein Leben etwas wahrscheinlicher": Kevin Powers.
    foto: marsha miller

    "Wie wirst du heute mein Leben retten? Zum Beispiel durch deinen Tod, denn wenn du stirbst, wird mein Leben etwas wahrscheinlicher": Kevin Powers.

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    foto: fischer
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