"Schlagerstar": Ein Gewerbe, das von Wiederholung lebt

31. Mai 2013, 18:27
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Marco Antoniazzi und Gregor Stadlober beobachten in ihrem sehenswerten Dokumentarfilm "Schlagerstar" die Arbeitswelt des Volksmusikanten Marc Pircher - ohne Ironie

Wien - "Wie oft ist nur ein klei-nes Wort ... wie oft ist nur ein klei-hei-nes Wort ... wie oft ist nur ein kleines Wort - im Augenblick zu viel." Der Mann am Mikrofon singt die Zeile im Aufnahmestudio zum wiederholten Mal. Ein "bisserl mehr aufschluchzen" soll er bitte noch. Schließlich sitzt der Leadgesang für die Nummer mit dem eindringlichen Titel Ich schwör. Am Mischpult wird für den künftigen Einsatz in Tanzlokalen gleich noch eine zweite Version, Disco-Style, in Auftrag gegeben.

Schon vor dieser Szene wurden im Dokumentarfilm Schlagerstar das "sehr oft", die Wiederholung und ihr Nebeneffekt, die Routine, eindrucksvoll eingeführt. Sie sind bezeichnend für den Arbeitszusammenhang des Protagonisten Marc Pircher, und sie ergeben ein stimmiges Ordnungsprinzip für den Film.

Einmal ist keinmal. Aber spätestens beim dritten Durchlauf können alle den Text. Ob im Riesenbierzelt oder in viel kleinerem Rahmen: Mottosongs wie Heute woll'n wir feiern, Hände in die Höh' funktionieren als Mitschunkel- und Mitsingunterlage überall. Auf solchen Erfolgsformeln hat der Tiroler Pircher, seit über zwanzig Jahren im Geschäft, seinen Status als Star der volkstümlichen Musik aufgebaut. Nicht nur auf der Bühne kehrt alles ständig wieder. Auch die Fanbetreuung samt Erinnerungsfotos im Akkord oder eben die Arbeit im Tonstudio basieren auf diesem Prinzip.

Hart arbeitender Showman

Die beiden Filmemacher Marco Antoniazzi und Gregor Stadlober - die unter anderem schon beim Spielfilm Kleine Fische zusammenarbeiteten - halten zu diesem Geschehen visuell Distanz. Vieles wird in Totalen erfasst und so besser einsehbar. Die Nähe zum Protagonisten beschränkt sich aufs Geschäftliche. Es wird keine Lebensgeschichte aufgerollt, sondern ein hart arbeitender Showman und Selbstvermarkter beobachtet. Pircher werkt an einem neuen Album, die Kamera begleitet ihn über einen längeren Zeitraum im Tonstudio. Die beiläufige Akquise von frischem Songmaterial wird ebenso dokumentiert wie Fernsehaufzeichnungen, Interviews durch Dritte und Promotionsarbeit: vom Cover-Fotoshooting bis zur traditionellen Fanclub-Zusammenkunft.

Schlagerstar beleuchtet ein Gewerbe, welches aufs Bewährte und Wiedererkennbare setzt und dabei - genau wie das Industriekino - lieber auf Nummer sicher geht. Unermüdlich wird das Terrain zwischen Herz und Schmerz beackert, das Vertraute, Heimatliche beschworen, zu dem selbstverständlich auch Evergreens wie der Schwiegermutterwitz gehören. Die potenziell im Schwiegermutteralter befindlichen weiblichen Fans klatschen sich dazu vor der Bühne reihenweise in Stimmung.

Als Betrachterin kann man dies durchaus merkwürdig finden. Die Filmemacher selbst enthalten sich allerdings jeglichen Kommentars, bleiben ironie- und polemikfrei. Sie bieten ausgewähltes Anschauungsmaterial und Einblicke in die verschiedenen Ebenen eines (Parallel-)Universums. Das buchstäblich Konservative tritt auch so zutage: "So wird es immer sein / wo man die Wurzeln spürt / da ist die Welt noch rund / da wird das Herz berührt / so war es immer schon / und das bleibt ewig gleich / das schönste Land für mich / ist Österreich."   (Isabella Reicher, DER STANDARD, 1./2.6.2013)

  • Einer, der sein Publikum zum Schunkeln bringt: Marc Pircher in der Doku "Schlagerstar".
    foto: mobilefilm

    Einer, der sein Publikum zum Schunkeln bringt: Marc Pircher in der Doku "Schlagerstar".

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