Irak: Was nie wieder passieren soll

31. Mai 2013, 16:40
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April und Mai waren mit hunderten Anschlagstoten die blutigsten Monate im Irak seit Jahren: Die Sorge ist berechtigt, dass das Land im Sog Syriens wieder in eine konfessionelle Auseinandersetzung schlittert. Trotzdem verhalten sich nicht alle so, wie das Klischee es vorgibt – wenn denn der Bericht der Hisbollah-feindlichen Zeitung Al-Mustaqbal stimmt. Sie gehört Saad al-Hariri, dem Führer der Sunniten-Partei „Future Movement" im Libanon, dem politischen Rivalen der Hisbollah und ihrer Verbündeten, und sie hat natürlich Interesse daran, die Hisbollah auf dem sinkenden Ast darzustellen. Also ist die Nachricht cum grano salis zu lesen. Jedenfalls berichtet die libanesische Zeitung folgendes:

Die Hisbollah, namentlich deren Führer Hassan Nasrallah, habe Muqtada al-Sadr, den einstmals sehr radikalen irakischen schiitischen Geistlichen und Führer der „Sadristen", in einem Brief gebeten, seine „Mahdi-Armee" nach Syrien zu schicken, um neben der Hisbollah an der Seite der Assad-Truppen gegen die sunnitischen Rebellen zu kämpfen. Sadr habe dies kategorisch abgelehnt und die Teilnahme der Hisbollah am Krieg in Syrien scharf kritisiert. Er sei nur bereit, seine Leute nach Syrien zu schicken, um schiitische Schreine vor den Angriffen sunnitischer Jihadisten zu schützen – die ja tatsächlich ihr Zerstörungswerk in Syrien längst begonnen haben. Natürlich kämpfen bereits  viele irakische und aus anderen Ländern stammende Schiiten auf Regimeseite – allerdings wahrscheinlich nicht so viele wie nicht-syrische Jihadisten. Und man muss auch sagen, dass die Mahdi-Armee, Sadrs Milizen, bei weitem nicht mehr jene Stärke und Bedeutung haben, die sie im irakischen Bürgerkrieg 2006/2007 so gefürchtet machten.

Immerhin, so klar ist die schiitische Front zum Syrien-Konflikt nicht. Auf der Website von Al-Arabiya-TV – die auch kein unabhängiges, sondern ein saudiarabisches Medienunternehmen ist – lobt Abdulrahman al-Rashed, der Chef des News Channels, auch „tapfere Schiiten" im Libanon, die sich gegen die Hisbollah stellen. Damit sind natürlich nicht „normale" Schiiten gemeint (die ja meist nichts mit dem Khomeinismus und oft auch nicht einmal etwas mit Religion am Hut haben), sondern Geistliche. Genannt wird der schiitische Mufti von Tyros, Ali al-Amin, sowie Subhi al-Tufayli, ein Schüler Khomeinis, der sogar einmal Hisbollah-Generalsekretär war – der sich aber von seinen früheren Überzeugungen abgewandt hat. Er soll demnach gesagt haben, dass die in Syrien kämpfenden Schiiten „nicht Sayyida Zaynab, sondern Bashar al-Assad verteidigen". Sayyida Zaynab ist die Enkeltochter des Propheten Muhammad, und ihr Schrein ist in Damaskus.

Zum Abschluss ein persönliches Fundstück: In meine Zeit als österreichische Sondergesandte in Bagdad fiel der volle Ausbruch des irakischen Bürgerkriegs. Am 22. Februar 2006 war die Goldene Kuppel des Askari-Schreins im Samarra durch einen antischiitischen Anschlag zerstört worden, damit waren die letzten Dämme geborsten, die die radikalen schiitischen Kräfte noch zurückgehalten hatten. Die Al-Kaida hatte ihr Ziel erreicht. Kürzlich habe ich ein von mir erstelltes Telefonprotokoll vom 25. Februar wiedergefunden, das ich in einen Bericht fürs österreichische Außenministerium eingearbeitet habe. Eine Erinnerung, was Bürgerkrieg bedeutet.

Mehrere Telefonate, 25. 2. 2006 später Nachmittag, bei miserabler Verbindung:

Unruhen vor allem in allen Bezirken rund um Sadr City (östlich des Kanals), aber auch in der Gegend der  Palestine Street westlich des Kanals, in der Gegend rund um Abu Ghraib (östlich von Abu Ghraib in der Stadt z.B. in Hurriya), im Süden von Bagdad in der Gegend von Mahmudiya, man spricht davon, dass dort Leute „abgeschlachtet" werden. Überfall auf ein Universitätsinstitut der Mustansiriya (aber nicht am Hauptstandort der Uni, sondern in einer Dependence). In das sunnitische Adhamiya (Altstadt) versuchten offensichtlich Angreifer hineinzukommen, dort verteidigten sich die Sunniten, haben Stadtteil abgeriegelt, Tote auf beiden Seiten. Einzelne Vorfälle in Karkh. (In den besseren residential areas der Stadt blieb es eher ruhig, diesbezügliche Informationen haben wir zumindest aus Mansur und Yarmuk).

Angriffe auf sunnitische Moscheen und Privathäuser, Morde an Ort und Stelle, Verschleppungen, vorwiegend Männer. In Sadr City sollen 800 Leichen gefunden werden sein – man nimmt an, dass sie die von Verschleppten sind. Berichte von vielen Leichen im Tigris konnten von dieser Quelle nicht bestätigt werden, die Vermutung wurde geäußert, dass sich diese Meldung auf Vorfälle in Nahrawan bezieht.

Am Beginn der Eskalation Angriffe meist von Mitgliedern der Mahdi-Armee, vom Mob – auch ein starkes kriminelles Element, es wird geplündert.

Zuletzt aber neues Muster: Hit squads kommen meist mit sechs Fahrzeugen, darunter auch 4-wheel drives, in jedem sind sechs bis acht Bewaffnete. Manche sollen die Uniformen von Special Forces des Innenministeriums tragen, es gibt auch Gerüchte, dass manche Angreifer nach dem Angriff ins Innenministerium zurückkehren – das heißt, von dort stammen. Angeblich vermehrt Badr-Milizen. Manche tragen Masken, die Bewaffnung ist aber meist einfach, d.h. nicht die von Special Forces, sondern Kalashnikows. Aber Männer machen ausgebildeten Eindruck, alles gut organisiert, das heißt, keine Mahdi-Armee. Wissen über ihre Ziele gut Bescheid.

Ein Vorfall wird geschildert (Freitag um zehn am Abend), bei dem 20 gunmen in sechs Fahrzeugen die sunnitische Qubaysi-Moschee angegriffen haben. Die in der Moschee befindlichen Wächter haben per Moscheelautsprecher um  Hilfe gerufen, daraufhin sind sunnitische Bewohner auf die Angreifer losgegangen, die sich daraufhin etwas zurückgezogen haben, bis sich ihnen ein anderes „Team" angeschlossen hat und sie wieder vorgerückt sind. Ähnlich sind Überfälle auf andere Moscheen in der Palestine Street, in Hurriya, in Hayy al-Amil  und anderswo verlaufen. Wenn der Widerstand groß genug ist, ziehen sie sich zurück.

Direkt um Sadr-City eher Mahdi-Armee, sie sind diejenigen, die am meisten Leute verschleppen, gehen auch gezielt auf religiöse Sunniten los.

US-Armee hat sich völlig von den Straßen zurückgezogen, auch reguläre irakische Polizei ist keine zu sehen.

Konflikt spielt sich aber nicht nur auf „Mob"-Ebene ab, auch Geistliche, auch sunnitische, eskalieren. Hetzpropaganda in privaten „sectarian" Radio-Sendern. (Gudrun Harrer, derStandard.at, 31.5.2013)

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    Muqtada al-Sadr, sein Vater Mohammed Sadiq al-Sadr (links) und Großvater Baqir al-Sadr auf einem Plakat in Najaf

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