Sture Schnecke und Zerbrochenes Glas

31. Mai 2013, 18:28
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Angeschrieben wird hier nicht! Alain Mabanckous kongolesische Bar als groteskes Welttheater

Mit Port Harcourt hat die Unesco jüngst erstmals eine Stadt in Afrika zur Weltbuchhauptstadt 2014 gekürt, aber als Ursprung von Weltliteratur wird die Region selten gesehen - nicht ganz zufällig: Das Gros erfolgreicher Autoren von Nurrudhin Farah bis Wole Soyinka lebt in Europa oder den USA, sei es wegen politischer Verfolgung oder schlicht ob der besseren Lebens- und Publikationsmöglichkeiten.

Der vielfach preisgekrönte Alain Mabanckou ist hier keine Ausnahme. Er hat vor 24 Jahren seine Heimat Kongo verlassen und pendelt seither als Uni-Professor zwischen Paris und Los Angeles. In Black Bazar, dem ersten auf Deutsch erschienenen seiner bisher fünf Romane, war eine von Afrikanern aller Herren Länder frequentierte Bar in Paris der Dreh- und Angelpunkt.

In Zerbrochenes Glas ist es eine Kaschemme in Kongos Hauptstadt Brazzaville, deren Name naturgemäß Programm ist: Angeschrieben wird nicht. Der Barbesitzer namens Sture Schnecke fordert eines feucht-fröhlichen Abends Zerbrochenes Glas, den Gebildetsten unter seinen Stammgästen, auf, die Geschichten der Barbesucher aufzuzeichnen: Die Säufer mögen zumindest so der Nachwelt eine Spur hinterlassen.

Für Sture Schnecke ist das "ausgelatsche Klischee wenn-in-Afrika-ein- Greis-stirbt, verbrennt-eine-Bibliothek" nichts als "Wildkatzenpipi". Zerbrochenes Glas, einst Lehrer, ziert sich. Doch alsbald drängen sich allerlei Großmäuler, Prostituierte, Gaukler und Gedemütigte förmlich in sein abgegriffenes Schreibheft.

Wie schon seinen Roman Stachelschweins Memoiren hat Mabanckou auch diesen Text nicht durch Punkte oder Absätze getaktet, sondern nur durch Kommata. Er packt Fußball, Korruption, Politik, Reverenzen an die französische Philosophie und afrikanische Literatur, Sex und Gräuel leichthin in einen seitenlangen Satz.

Doch wird man nicht trunken aus dem Lesefluss geworfen, im Gegenteil, der Leser wird in rhythmischem Erzählton am zerschlissenen Hemdkragen ins tragikomische Geschehen gezogen. Man hört die Marginalisierten beim Thekenpalaver, sieht sie gestikulieren, kotzen. Das gibt keine pittoresken Bilder. Die Nachtwelt des Trois-Cents-Viertels ist eine der Ausgespienen. Mabanckou gibt den Gestrauchelten eine Stimme, ohne sie zu entblößen. Er spielt mit den Vorurteilen seiner Landsleute, mit der schlechten Meinung über ihresgleichen. Er bricht Klischees, es regnet Kraftausdrücke, Negerbande ist noch ein harmloser. Der Text ist politisch unkorrekt, prall, furios, überbordend. Schalk, Sprachwitz, Ironie, Grauen und Lebensweisheit wechseln sich ab, das Stakkato wird zur Suada. Die Unglücklichen schwadronieren, wie das Schicksal und die Frauen ihnen mitspielen, etwa der Pampers-Typ, der nach Massenvergewaltigung im Gefängnis mit Windeln überlebt.

Die Misere im Land ist Hintergrund-Kakofonie, ohne moralische Botschaften. Über die getretenen Maulhelden holt Mabanckou den Horror in die Bar, ohne dass es pathetisch, vulgär oder sentimental wird - sondern im grellen Realismus nur grotesk, wenn er von "Dingen" erzählt, "die sich hierzulande mit den Hieben einer ruandischen Machete einrenken lassen".   (Gunther Neumann, Album, DER STANDARD, 1./2.6.2013)

Alain Mabanckou, "Zerbrochenes Glas". Deutsch von Holger Fock und Sabine Müller. € 19,50 / 222 Seiten. Liebeskind, München 2013

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