In der "schwarzen Stadt" bleiben die Fenster zu

1. Juni 2013, 12:00
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Das tschechische Ostrava gilt als eine der dreckigsten Städte Europas. In manchen Stadtteilen ist vor allem in der kalten Jahreszeit die Luft derart verschmutzt, dass an Lüften nicht zu denken ist - wenn Kinder in die Schule kommen, muss täglich inhaliert werden

Prag - In der kalten Jahreszeit ist es immer am schlimmsten. Vor allem bei Inversionswetterlage. Dann leben die 300.000 Einwohner von Ostrava oft wochenlang in einem Kaltluftkessel und atmen Abgase aus den Industrieschloten. Glücklich schätzt sich, wer eine Luftfilteranlage vor dem Haus hat und wenigstens in den eigenen vier Wänden einigermaßen befreit aufatmen kann.

"Bei Smog ist ans Lüften nicht einmal zu denken", sagt Renata, die mit ihrem achtjährigen Sohn im Ostteil der Stadt lebt. "Anderswo lässt man morgens frische Luft ins Zimmer. Wir hier sind froh, wenn die Fenster dicht sind, damit möglichst wenig Gestank hereinkommt."

Höchste Schadstoffbelastung im Land

Die mährisch-schlesische Metropole Ostrava, zu Deutsch Ostrau, gilt als eine der dreckigsten Städte Europas. Hier, im äußersten Osten der Tschechischen Republik, wird Kohle abgebaut und gleich in riesigen Stahlwerken verheizt. "Im Kreis Mährisch-Schlesien mit seiner Schwerindustrie ist die Schadstoffbelastung eindeutig höher als irgendwo sonst im Land", bestätigt der Epidemiologe und Genetiker Radim Srám von der tschechischen Akademie der Wissenschaften.

Dabei gäbe es auch ohne die größten Dreckschleudern schon genug Probleme. "Vor etwa zehn Jahren begann der Gaspreis zu steigen, seither heizen die Menschen wieder mehr mit festen Brennstoffen", erklärt Srám - Abfälle wie Kunststoffreste und Plastikflaschen inklusive. In der Hauptstadt Prag wiederum wird die Luftqualität, wie in anderen europäischen Metropolen auch, vor allem vom Autoverkehr beeinträchtigt.

Gefürchteter Westwind

Dennoch: In den meisten Regionen Tschechiens liegt die Feinstaubbelastung unterhalb der EU-Limits. Selbst in manchen Stadtteilen von Ostrava ist sie nicht wesentlich höher als im Landesdurchschnitt - zum Beispiel im Bezirk Poruba im Westen der Stadt. Anders in Radvanice, einem Viertel nur wenige hundert Meter östlich der hiesigen Stahlgiganten.

Bei Westwind, also meistens, ist hier die Luft besonders schlecht. Die Grenzwerte für Feinstaub sehen vor, dass der erlaubte Tagesmittelwert von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter an maximal 35 Tagen pro Kalenderjahr überschritten werden darf. In Radvanice sind diese 35 Tage oft schon in der zweiten Februarhälfte erreicht. "Für den Rest des Jahres dürfen wir also gar nicht mehr atmen", scherzen die Bewohner dann. Schwarzer Humor in der "schwarzen Stadt", wie Ostrava auch genannt wird.

Krebserregende Substanzen in der Umwelt

Was Radim Srám jedoch weitaus mehr Sorgen macht als der Feinstaub an sich, sind karzinogene Substanzen wie polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK), die mit ihm in die Umwelt gelangen. "Sogar im vergleichsweise sauberen Bezirk Poruba, wo die Feinstaubbelastung nicht viel schlimmer ist als in Prag, ist die Konzentration von Benzo(a)pyren viermal höher", so Srám. "Das heißt, dass auf dieselbe Menge Feinstaubpartikel eine viel größere Menge an Schadstoffen kommt. In Radvanice ist die Schadstoffkonzentration sogar zehnmal so hoch."

Tägliche Inhalationen

Die Schule von Renatas Sohn ist nicht weit von Radvanice entfernt. Die Fenster im Klassenzimmer werden nur selten geöffnet, draußen spielen oder sogar Sport betreiben ist vor allem im Winter ausgeschlossen. Stattdessen wird dann in der Klasse täglich Wasserdampf inhaliert, als kollektive Vorbeugung gegen Atemwegserkrankungen. Die meisten Schäden tragen jedoch die ganz Kleinen davon. "Bei Kindern im ersten Lebensjahr gibt es in Radvanice zwei- bis dreimal mehr Atemwegserkrankungen als in anderen Teilen Ostravas" zitiert Radim Srám aus einer Studie, die er an rund 2000 Kindern der Stadt durchgeführt hat.

Veränderungen des Erbguts

Sogar Veränderungen des Erbguts wurden bereits nachgewiesen. Für Menschen aus der Region sei ein bestimmtes Gen typisch, das dem Organismus hilft, besser mit der Schadstoffbelastung zurechtzukommen. "Ostragen" hat der tschechische Liedermacher Jaromír Nohavica es getauft. "Das mag ja hervorragend klingen, aber alles hat seinen Preis", meint der Genetiker Srám: im konkreten Fall eine insgesamt geringere Lebenserwartung und die Vererbung des "Ostragens" auf die nächsten Generationen.

"Ich ersticke"

Zur kommunistischen Zeit gab es in besonders belasteten Regionen an Smogtagen manchmal Überraschungen. Zum Beispiel lagen in den Geschäften dann plötzlich Orangen - Vitamin- und Motivationsspritzen für Bergleute und Stahlarbeiter. 1989, während der Samtenen Revolution, konnte man an manchen Hauswänden den Slogan "Ich ersticke" lesen. Das war nicht nur politisch, sondern durchaus auch wörtlich gemeint. Inzwischen, fast ein Vierteljahrhundert später, ist die Luftqualität in den meisten Teilen Tschechiens wesentlich besser geworden. Für die Bewohner mancher Stadtviertel von Ostrava ist das aber vermutlich nur ein schwacher Trost. (Gerald Schubert, DER STANDARD, 1./2.6.2013)

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    Die massivsten Luftbelastungen entstehen bei Verbrennungsprozessen. Sei es in (Kohle-)Kraftwerken mit schlechten Filtersystemen - oder sei es in Industrieanlagen. Im tschechischen Ostrava ist es Kohle, die in Stahlwerken verheizt wird.

  • Die Stadt Ostrava liegt im äußersten Osten der Tschechischen Republik.
    grafik: der standard

    Die Stadt Ostrava liegt im äußersten Osten der Tschechischen Republik.

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