Chefs: "Getriebene und gehetzte Troubleshooter"

31. Mai 2013, 17:03
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Oft fehlt es in Unternehmen an Zeit für mehr Miteinander - sowohl den Führungskräften für ihre Mitarbeiter und vice versa

Der Raum für Führungsarbeit verengt sich zunehmend, der Druck auf die Manager nimmt zu, ebenso die Anforderungen, denen sie entsprechen sollten. Nicht zuletzt gerät auch die Erwartung an die eigene Person und Leistung zu einem mitunter gehetzten Hinterherlaufen hinter selbstgesteckten Zielen. Weitverbreitete Eindrücke, die sich auch in der diese Woche präsentierten Leadership-Studie der systemischen Organisationsberatung osb-i widerspiegeln und für die in Deutschland und Österreich 600 Führungskräfte und 1500 Mitarbeiter befragt wurden.

63 Prozent der befragten Führungskräfte in Österreich geben an, dass der Rhythmus von Besprechungen, Themen und Aufgaben "bedrohlich schnell" geworden sei. Mehr als die Hälfte fühlt sich, so die Studie weiter, "am Ende des Tages leer und kaputt, weil kaum etwas vom vorgenommenen Tagespensum geschafft wurde.

Es fehlt Zeit - für fast alles

Die befragten Mitarbeiter erleben ihren Alltag ganz offensichtlich ähnlich: 56 Prozent erleben einen schnelleren Rhythmus, fast jeder Zweite fühlt sich nach dem Arbeitstag ausgebrannt. Mitarbeiter erleben ihre Führungskräfte häufig als "getriebene und gehetzte Troubleshooter", heißt es weiter. Orientierung und Sinnvermittlung blieben auf der Strecke (62 Prozent, Österreich). Vor allem eines wird aus der osb-i Leadership-Studie deutlich erkennbar: Es fehlt an Zeit - sowohl den Führungskräften für ihre Mitarbeiter und vice versa, wobei die Wahrnehmungen dazu divergieren (siehe Grafik).

60 Prozent der Führungskräfte wünschen sich mehr Zeit, sich mit der Führung ihrer Mitarbeiter auseinanderzusetzen. "Sie gehen aber davon aus, dass die vorhandene Zeit im Großen und Ganzen ausreicht", so die Studie weiter. Die befragten Mitarbeiter aber sehen das anders. Für 36 Prozent der Befragten reiche die Zeit mit ihren Vorgesetzten "keinesfalls aus". Nicht vergessen werden darf, dass Mitarbeiter heute - auch in Führungsfragen und -stilen - informierter denn je sind. Auch das dürfte die eine oder andere Führungskraft gehörig unter Druck setzen.

Hoher Orientierungsbedarf

Es fehlt an Orientierung - seitens der Mitarbeiter ebenso wie seitens der Führungskräfte. "Jede zweite Führungskraft sieht sich nicht mehr in der Lage, die Dinge zu steuern, und fühlt sich vom Unternehmen unablässig überfordert", heißt es in der Studie. Und fast die Hälfte der Mitarbeiter beklagten fehlende Orientierung und ihren "Workload". Allerdings wird nach Auswegen aus dieser Situation gesucht: " Offensichtlich gehen Führungskräfte heute ehrlicher mit sich selbst um", heißt es dazu in der Studie. 75 Prozent der Führungskräfte "gestehen", dass es an ihnen selbst liege, ihren Mitarbeitern mehr Orientierung zu geben. Rund die Hälfte der Führungskräfte gibt an, in ihren Unternehmen würden Fortbildungen zum Thema Führungsarbeit angeboten.

An der Professionalisierung von Führung werde intensiv gearbeitet, so die osb-i-Studienautoren. Ihre Hypothese, dass sich das Verständnis von Führung sowie die gelebte Führung selbst verändert habe und sich auch weiter verändern müsse, sehen sie bestätigt. Um der Komplexität von Unternehmensführung Herr zu werden, brauche es Teams und keine Einzelkämpfer, heißt es. Allerdings mit noch unabsehbaren Folgen für die zweiten und dritten Führungsebenen. Denn: Wer kompensiert die operative Arbeit, wenn das Top-Management sich auf seine eigentliche Aufgabe, die Führung, zurückzieht? Und: Wie müssen organisationale Strukturen gestaltet sein, ohne die Arbeitslast auf darunterliegende Ebenen auszulagern? Mögliche Fragen für eine Folgestudie. (Heidi Aichinger, DER STANDARD, 1./2.6.2013)

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