Was Chefs immer wissen sollten

31. Mai 2013, 17:09
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Wann wird die gute narzisstische Motivation problematisch? Wenn die Frage "Warum tu ich mir das an?" nicht beantwortet werden kann

Bücher à la Psychopathen in den Führungsetagen, welche Anforderungsprofile für Chefsessel mit den Diagnosen für paranoide oder narzisstische Persönlichkeitsstörungen vergleichen und verblüffende Deckungsgleichheit feststellen, bringen gute Quote. Und sind nicht von der Hand zu weisen, sagt Stephan Doering, Leiter der Klinik für Psychoanalyse und Psychotherapie an der Med-Uni Wien, zudem Präsident der Sigmund-Freud-Gesellschaft.

Tiefgreifende Muster der eigenen Großartigkeit, Mangel an Empathie, das Verlangen nach übermäßiger permanenter Bewunderung, übertriebene Erwartung an ständig bevorzugende Behandlung, Neid, Arroganz und schließlich die Behandlung der Mitmenschen als dem eigenen Nutzen dienliche Verschubmasse - dieses Bild sitzt auch noch ganz gut von Chefs. Noch.

Dazwischen, so Doering, finde gerade ein großer Wandel im Wunschprofil von Führungskräften statt, hin zum verstehenden, empathischen Chef. Zu Ermöglichern im Chefsessel, die zum Teilen, zur Kooperation bereit sind und Gerechtigkeit leben. Also korrekt: Die sich in Buchform so gut verkaufenden Anforderungsprofile der menschenverachtenden Narzissten galten vielleicht, würden heute aber "so nicht mehr toleriert". Die Brecher gehören zur Generation Y, also denen um die 30.

Bashing geht vor

Allerdings: Sehr viel öffentliche Empathie genießen Manager nicht. Was sie sich sprichwörtlich antun, welchem Druck sie sich aussetzen und worauf sie im Leben zugunsten ihrer Funktion verzichten - das ist kaum Thema im Diskurs. Bashing geht vor. Zum Warum nennt Doering wohl narzisstischen Antrieb. Zur Rehabilitation sagt Doering, narzisstischer Antrieb sei schon okay. Und nennt als "gesunde Selbstliebe" etwa die Lust am Gelingen, sich etwas zuzutrauen, ein Machtverständnis, das sozial verantwortlich sei.

Dann sei der Job auch nicht lebensnotwendig, man könne Erfolg genießen und müsse ihn nicht "haben". Dann könne man sich auch vor Überlastung schützen, dann könne man auch mal aufhören. Dann könne man Verantwortung übernehmen, ohne Macht ausüben zu müssen.

Und wie lässt sich also die Grenze zwischen gesund und ungesund (auch für die Umgebung) ziehen? Doering antwortet so einfach wie komplex: Führungskräfte, die sich jederzeit die Frage stellen und beantworten könnten: "Warum tu ich mir das an?", seien auf der gesunden Seite.

"Da wird es brenzlig"

"Wenn wir die Frage nicht beantworten können, dann beginnt es, brenzlig zu werden." Es sei nun einmal nicht gesund, sich selbst dauernd super zu finden, ein in beide Richtungen lenkbares Selbstbild abseits der Pole "Ich bin wertlos" und "Ich bin großartig" sei gesund.

Auch er erlebe immer wieder Situationen, von denen er sich erholen müsse. Aber das sei eben eine Ingredienz gesunder Selbstliebe, die Fähigkeit dazu, zur Mitte des "Ich bin okay" zurückkehren zu können.

Selbstbilder, die auf permanenten Narzissmus angewiesen seien, vermögen dieses nicht. So weit die kathartische Anleitung für alle, die führen wollen. Und jene, die unfreiwillig, aus Familienzwang oder mittels Partnerdruck in Cheffunktionen sitzen oder aufgrund fachlicher Erfolge befördert wurden und nicht ablehnen konnten? "Diese Menschen leiden und haben keine Antwort auf das Warum." Da empfehle sich Coaching, Beratung, Psychotherapie, sagt Doering. Ob jede Antwort auf das Warum gleich viel gelten dürfe? "Ich möchte immer wissen, wie es der oder dem wirklich geht."

Ein intensiver, ehrlicher und gewinnbringender Abend bei "Leadership Revisited". (Karin Bauer, DER STANDARD, 1./2.6.2013)

  • Luden wieder zum Überdenken von Führung: Barbara Heitger (Heitger Consulting) und Martin Engelberg (Vienna Consulting Group) mit Impulsgeber Stephan Doering (Med-Uni Wien; in der Mitte) im Wiener Radisson Blu Hotel am Montag bei "Leadership Revisited".
    foto: standard/hendrich

    Luden wieder zum Überdenken von Führung: Barbara Heitger (Heitger Consulting) und Martin Engelberg (Vienna Consulting Group) mit Impulsgeber Stephan Doering (Med-Uni Wien; in der Mitte) im Wiener Radisson Blu Hotel am Montag bei "Leadership Revisited".

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