Der blaue Himmel über Auschwitz

31. Mai 2013, 17:52
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Viele Jahre nach Primo Levi, Jean Améry und Jorge Semprún fügt Otto Dov Kulka der Literatur über die Nazilager neue Aspekte hinzu

Der israelische Historiker Otto Dov Kulka bekam seine ersten Eindrücke von europäischer Kultur an einem Ort, der eigentlich für das Gegenteil steht: in Auschwitz. In einer Krankenbaracke machte ihn ein Häftling namens Herbert mit Goethe, Beethoven und Shakespeare vertraut, er gab ihm Schuld und Sühne von Dostojewski zu lesen, und in den langen Stunden des Nichtstuns spielten die der Selektion vorläufig Entkommenen ein verzweifeltes Spiel. Sie dachten sich "Lösungen für die deutsche Frage" aus, von denen Kulka nur eine in Erinnerung behielt: Sie bestand darin, die Deutschen in einem Ozean zu versenken, eine absurde Vorstellung, die aber ihre Berechtigung gerade daraus erhielt, dass außerhalb des Krankenlagers tagtäglich höchst planmäßig und realistisch gemordet wurde.

Otto Dov Kulka, 1933 in eine Prager jüdische Familie geboren, kam 1943 mit den Eltern aus Theresienstadt nach Auschwitz. Er verdankt sein Überleben mehreren Zufällen, von denen er in dem Buch Landschaften der Metropole des Todes. Auschwitz und die Grenzen der Erinnerung und der Vorstellungskraft berichtet.

Es ist ein Werk ersten Ranges, das viele Jahre nach Wieslaw Kielar und Primo Levi, nach Jean Améry und Jorge Semprún der Literatur über die nationalsozialistischen Lager noch einmal fundamentale Aspekte hinzufügt. Das liegt zum einen an einer Besonderheit von Otto Dov Kulkas Erfahrungen, denn er überlebte nicht zuletzt deswegen, weil die Nazis aus Gründen internationaler Diplomatie in Auschwitz für eine Weile ein "Familienlager" eingerichtet hatten, das einzig dem Zweck der Irreführung und der Ablenkung von den Gaskammern dienen sollte.

Zum anderen liegt es an der besonderen Geschichte dieses fragmentarischen Textes, der auf Tonbandaufnahmen beruht, die ursprünglich nicht für eine Veröffentlichung gedacht waren und in denen Dov Kulka sich auch intensiv mit seinen Erfahrungen der Rückkehr an die historischen Orte auseinandersetzt. Im Jahr 1978 fuhr er in der Gegenrichtung noch einmal auf jener Straße, "auf der man uns am 18. Januar 1945 und in den darauffolgenden Tagen hinausgeführt hatte, hinaus aus diesem unheimlichen Getriebe", das Auschwitz-Birkenau für einige Jahre war. Viele Jahre später findet er nichts und alles wieder vor. "Es war eine verödete Landschaft. Aber alles war noch da, nur in einer Distanz der Verödung."

Diese Verödung bricht Dov Kulka gleichwohl in seinen Erinnerungen wieder auf. Er beschreibt einerseits so genau wie möglich die Erlebnisse dieses zehn-, elfjährigen Jungen, der mehrmals nur äußerst knapp dem Tod im Lager entgeht, wie auch seiner Mutter, die in der Nacht des 30. Juni 1944 einen Abschiedsbrief an ihren Mann schrieb, der mit einem Wunsch endet: "Gott möge das Blut der Unschuldigen rächen."

Dem stehen drei andere Zeugnisse entgegen, die einen der Höhepunkte des Buches ausmachen. Drei Gedichte einer unbekannten Ermordeten, geschrieben im Familienlager, kurz vor der Gaskammer einem Kapo in die Hand gedrückt, der sie wiederum an Dov Kulkas Vater weitergab. Drei Gedichte einer mutmaßlich jungen Frau, die für "Europas Jugend, die verraten ward", spricht und die letztlich ein Ethos der Gewaltlosigkeit vertritt: "Und trotzdem - lieber sterb ich, spuckt mir nur ins Gesicht, zum Feigling lieber Mut als an den Händen Blut." All das zählt zu Otto Dov Kulkas "individueller Mythologie" von Auschwitz-Birkenau, wie auch eine ganz bestimmte Erinnerung aus dem Jahr 1944: "Die Farbe ist blau: klarer blauer Sommerhimmel. Silbrige Spielzeugflugzeuge, die Grüße aus entfernten Welten bringen, bewegen sich langsam durch den azurfarbenen Himmel."

Hier ist es die beigestellte Fotografie, die eine Implikation ausdrücklich macht, von der Dov Kulka schweigt. Denn die Alliierten fotografierten Auschwitz von ihren Flugzeugen aus, taten aber nichts, um die Vernichtung zu stoppen. Der Kamerablick von oben bekommt hier eine Antwort in dem Blick eines elfjährigen Jungen von unten, der von "dieser stillen, verzauberten und verlockenden Erfahrung des blauen Himmels" auch als alter Mann noch heimgesucht wird.

Otto Dov Kulka zählt als Historiker, der viele Jahre in Jerusalem gelehrt und geforscht hat, zu den bedeutendsten Kennern des Völkermordes, doch erst hier stellt er sich die Frage, wie sich diese Arbeit zu "dem eigentlichen, allerinnersten Kern dieses geschichtlichen Geschehens verhält". Er bricht dabei den "methodologischen Abstand", den er in all den Jahren davor penibel beachtet hat, grundsätzlich auf, indem er nun nicht nur Erinnerungen, sondern auch Träume aufschreibt und preisgibt. So träumt er etwa im Jahr 2001, dass er in der Gedenkstätte Auschwitz eine Führung durch das Krematorium macht. Und wer ist "dieser Führer, der seine Erläuterungen im Auftrag der gegenwärtigen polnischen Gedenkstättenleitung gab"? Dr. Mengele.

Deutlicher lässt sich das Problem einer jeglichen Vergangenheitsbewältigung kaum benennen. Sie steht immer unter dem Vorbehalt der ewigen Gleichzeitigkeit, die in der Psyche herrscht. Mit einem Traum über "Gottes Schmerz" rührt Otto Dov Kulka schließlich an ein zentrales Problem jüdischer Theologie, und das Buch findet einen spekulativen Höhepunkt, in dem Mystik und Skepsis ineinander übergehen. Das Bundeszeichen, der Bogen in der Wolke, "ist in der hereinbrechenden Dunkelheit des Schabbatabends an einem sommerlichen Tag im Herbst nicht zu sehen". Stattdessen bleibt das Blau eines Himmels, der für Otto Dov Kulka unverbrüchlich über den "Heimat-Landschaften von Auschwitz leuchtet". Was für ein großes, abgründiges Zeugnis!    (Bert Rebhandl, Album, DER STANDARD, 1./2.6.2013)

Otto Dov Kulka, "Landschaften der Metropole des Todes. Auschwitz und die Grenzen der Erinnerung und der Vorstellungskraft". € 20,00 / 192 Seiten. DVA, München 2013

  • "Landschaften der Metropole des Todes".
    foto: dva

    "Landschaften der Metropole des Todes".

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