Handbuch des Versagers

Kolumne31. Mai 2013, 17:07
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Beziehungsratgeber, leicht gekürzt - Von Julya Rabinowich

Fragen Sie sich niemals, was Sie eigentlich ersehnen. Der Weg ist bekanntlich das Ziel. Was für die Erleuchtung reicht, sollte auch für Ihre Ansprüche reichen. Ihr Liebesleben darf zu einer kleinen Odyssee ausarten. Halten Sie sich vor Augen, dass auch Odysseus zwanzig Jahre voller Irrungen auf dem Buckel hatte, ehe er in die Arme seiner wartefreudigen Gefährtin sinken durfte.

Machen Sie Ihr Liebesleben am besten zu Penelopes Teppich. Sie müssen sich im Hier und Jetzt nicht den Kopf zerbrechen, was Ihre Vorlieben und Abneigungen, und schon gar nicht, was Ihre Fehler und Kommunikationsmuster sind. Happy Ends haben etwas Banales. Das Versagen aber ist stets mannigfaltig und originell. Schon Dostojewski beschrieb die Belastung des Glücklichseins und das Bedürfnis, dieses unverschuldet hereinbrechende Glück durch eigene verbissene Aktivitäten zu untergraben. Seien Sie sich nie sicher. Sicherheit zerstört jede Intimität, das wissen alle, die eine längere Scherbenehe hinter sich gelassen haben. Machen Sie sich neue Freunde, fragen Sie Ihnen mäßig gut bekannte Ehepaare nach deren sexuellen Aktivitäten.

Senden Sie widersprüchliche Signale. Viele Menschen werden von dieser Widersprüchlichkeit geradezu magisch angezogen. Manche werden versuchen, in das chaotische Verhalten nachvollziehbare Muster und Absichten hineinzuinterpretieren, um das unerträglich Ungewisse in Strukturen zu verklären, die ihnen ein Gefühl der Kontrolle vermitteln. Kontrolle, die sie mit Verständnis zu tarnen versuchen. Unterstützen Sie diesen Prozess vorbehaltlos.

Legen Sie falsche Fährten. Streiten Sie Offensichtliches ab. Das sorgt für selbstlos gebotene Unterhaltung des zukünftigen Partners. Sie hingegen bekommen eine Vermessung des eigenen Wertes, ohne mehr dafür tun zu müssen, als alle Regeln zu brechen, um an der Erleuchtung Ihres Gegenübers zu werken. Irgendwann wird nämlich entweder das eintreffen, oder aber eine tiefe Verunsicherung und womöglich eine Depression. In diesem Fall werden Sie sich dezent verdrücken. Unterstützen Sie mit Ihrem Rückzug den nachfolgenden Selbstfindungsprozess, bieten Sie dem Verlassenen selbstlos Raum für den Kampf mit den eigenen Dämonen.

Testen Sie aus, wann der Druckkochtopf übergeht. In diesem Fall können Sie nun ungehemmt leiden und der tragisch verlorenen großen Liebe nachtrauern. Aber nur, wenn sich das Objekt der nunmehrig offensichtlichen Begierde bereits von der Bühne Ihrer Leidenschaft verdrückt hat. Sollte es sich wider alle Erwartungen noch einmal überlegen und den Final Curtain wieder lüpfen, nehmen Sie am besten die Beine in die Hand. Oder studieren dieses Kapitel einfach von vorn.  (Julya Rabinowich, Album, DER STANDARD, 1./2.6.2013)

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