Die große Investment-Idee

31. Mai 2013, 12:42
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Mehr Geld in der Tasche: Passives Investieren als Innovation, die "ausnahmsweise einmal" für die Investoren nützlich ist

Paul Volcker kennt das Geldgeschäft. Der ehemalige Chef der US-Notenbank Fed hat den Kampf gegen die Inflation in den 1980er Jahren eingeleitet und gilt als vehementer Kritiker der vergangenen Entwicklungen an den Finanzmärkten. Die einzige nützliche finanzielle Innovation der vergangenen Dekaden, so kritisierte Volcker immer wieder, "war die Erfindung des Bankomaten". Die Flut an Derivaten, Kreditversicherungen, Verbriefungen und Investmentprodukten hingegen habe die Produktivität in der Wirtschaft kaum erhöht.

Doch in den vergangenen Tagen hat sich die Blogosphäre über die nützliche Finanzinnovation des passiven Investierens den Kopf zerbrochen (siehe Abnormal Returns, Fool). Tadas Viskanta von Abnormal Returns schreibt: "Ausnahmsweise einmal existiert eine Finanzinnovation für die Investoren." Endlich, so der Tenor, etabliert die Finanzindustrie eine Neuerung, die den Investoren nützt statt schadet. Denn mit passiven Indexfonds und börsengehandelten ETFs könnten Anleger die wichtigsten Grundregeln des Investierens befolgen (über verschiedene Anlageklassen diversifizieren, "nicht alles auf ein Pferd setzen") ohne hohe Gebühren an einen Mittelmann (eine Fondsgesellschaft, Versicherung, Finanzberater) zu zahlen. Traditionell haben die Investmentgesellschaften ihr Geld eher damit verdient tausende Produkte aufzulegen (Morningstar) und mit teilweise hohen Vertriebs- und Managementgebühren zu versehen.

Der Indexfonds-Anbieter Vanguard geht nun so weit und vergleicht die passiven Produkte – etwas verwegen – mit technischen Revolutionen wie dem Internet oder dem Auto (Vanguard). Die These: Anleger können nun viel günstiger vernünftig investieren und es bleibt mehr Geld in den Taschen von Konsumenten und Unternehmen. Doch bis Neuerungen in der breiten Masse der Konsumenten angekommen sind, hat es immer lange Zeit gebraucht. Die erfolgreiche Markteinführung von Innovationen folgt traditionell dem Verlauf einer S-Kurve. Zunächst nutzen eine kleine Zahl die neuen Modelle, die "early adopters". Doch ab einem Zeitpunkt geht es schnell und Innovationen diffundieren in die Gesellschaft, werden quasi über Nacht populär.

Aktuell, so schätzt Joe Davis von Vanguard, werden ein Viertel der verwalteten Vermögen in den USA zu einem Preis von 0,25 Prozent oder weniger verwaltet. Je weniger Investoren für die Verwaltung ihrer Anlagen zahlen, desto mehr bleibt ihnen vom Kuchen übrig. Davon ist man aber in Europa noch deutlich weiter entfernt. ETFs und Indexfonds sind hier noch ein Minderheitenprogramm.

Im Umkehrschluss heißt der Trend zu Passiv aber: Günstigere Finanzprodukte werden dazu führen, dass wir als Gesellschaft immer weniger unseres Ersparten für die Auswahl von Anlageprofis ausgeben muss und die Finanzbranche – nach Jahrzehnten des Wachstums – wieder schrumpfen wird. Die zehntausenden Job-Kürzungen, die über die Londoner City und Finanzplätze wie New York in den vergangenen Jahren hinweggerollt sind, zeigen, wohin die Reise geht.

Vielleicht ist das in Anlehnung an Paul Volcker der wohl wichtigste Beitrag, den die Finanzbranche aktuell zur Wirtschaftsleistung machen kann. Dass sie ihre Dienstleistungen billiger gibt und mit weniger Personal und daher mehr Geld für produktive Investitionen in die Realwirtschaft übrig bleibt. (Lukas Sustala, derStandard.at, 31.5.2013)

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