Wochen der Entscheidung für Bradley Manning

31. Mai 2013, 08:07
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Auftakt des Prozesses gegen mutmaßlichen Wikileaks-Informanten vor US-Militärtribunal

Mehr als drei Jahre sitzt Bradley Manning seit seiner Festnahme im Irak schon in Haft, nun beginnt endlich der Prozess gegen den mutmaßlichen Informanten der Internet-Enthüllungsseite Wikileaks. Ab Montag (3. Juni) wird die Anklage dem schmächtigen Obergefreiten vor einem US-Militärgericht nachzuweisen versuchen, mit der Weitergabe von Geheimdokumenten Feinden wie dem Terrornetzwerk Al-Kaida geholfen zu haben. Manning, der sich in einer Reihe minderschwerer Anklagepunkte schuldig bekennen will, weist diesen Hauptvorwurf zurück. Bei einer Verurteilung könnte der 25-Jährige aber den Rest seines Lebens hinter Gittern verbringen.

Schweigen

Die meiste Zeit des langen Vorverfahrens schwieg Manning. Bei einer Anhörung Ende Februar meldete er sich dann erstmals zu Wort und räumte die Weitergabe von vertraulichen Informationen ein. Die Geheimdokumente stünden für "die nicht sichtbare Realität der Konflikte im Irak und in Afghanistan", sagte der Angeklagte. Er habe geglaubt, eine Debatte über "Außenpolitik und den Krieg allgemein" auslösen zu können.

Manning bot damals an, sich in zehn von 22 Anklagepunkten schuldig zu bekennen - darunter unerlaubter Besitz und vorsätzliche Weitergabe von Geheimdokumenten. Selbst dafür könnte er bis zu 20 Jahre ins Gefängnis kommen. Doch die Staatsanwaltschaft ließ bisher nur einen minderschweren Anklagepunkt fallen und hält an den drastischen Vorwürfen der Spionage und der Unterstützung des Feinds fest.

Bild

Die US-Medien versuchten, Mannings Weg aus der Provinz im Mittleren Westen der USA in die Zelle eines Militärgefängnisses nachzuzeichnen: Einen Teil seiner Kindheit verbrachte Manning im Tausend-Seelen-Dorf Crescent im Staat Oklahoma, nach der Scheidung seiner Eltern zog er mit seiner Mutter nach Großbritannien. Nach schwierigen Schuljahren schickte diese ihn zurück in die USA. Als der Vater dort von der Homosexualität seines Sohns erfuhr, warf er ihn der "New York Times" zufolge aus dem Haus. Nach mehreren kleineren Jobs sei er im Jahr 2007 schließlich bei der Armee gelandet.

In seiner im Februar verlesenen Erklärung beschrieb Manning, wie er während seiner Stationierung im Irak Dokumente von Militärrechnern heruntergeladen habe. Dabei brachte er zwei Datenbanken in seinen Besitz, in der die täglichen Zwischenfälle der US-Einsätze im Irak und in Afghanistan aufgeführt wurden. Außerdem kopierte der Obergefreite vertrauliche Depeschen der US-Diplomatie und ein schockierendes Video, das den tödlichen Beschuss von Zivilisten durch einen US-Kampfhubschrauber zeigt.

Die Veröffentlichung des Videos durch Wikileaks im April 2010 sorgte weltweit für Wirbel. In den folgenden Monaten machte die Enthüllungsplattform außerdem mehr als 250.000 diplomatische Depeschen der USA und Zehntausende Geheimunterlagen zu den Einsätzen in Afghanistan und im Irak publik.

Festnahme

Im Mai 2010 nahm die Militärpolizei Manning auf seinem Stützpunkt nahe Bagdad fest. Verraten wurde er von einem Hacker, mit dem er im Internet über seine Zusammenarbeit mit Wikileaks geplaudert hatte. Zunächst saß Manning in einem Militärgefängnis in Kuwait, dann in einer Einzelzelle auf dem Stützpunkt Quantico im US-Staat Virginia. Nach Protesten von Menschenrechtsaktivisten gegen die Haftbedingungen verlegte ihn die Armee im Frühjahr 2011 in das Militärgefängnis Fort Leavenworth in Kansas.

Der Prozess findet auf der nordöstlich von Washington gelegenen Militärbasis Fort Meade statt und ist auf zwölf Wochen angesetzt. Hunderte Zeugen sollen aussagen, von denen das Gericht zwei Dutzend wegen Sicherheitsbedenken nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit hören will. In den Zeugenstand dürfte neben mehreren US-Botschaftern auch einer der Elitesoldaten treten, die im Mai 2011 Al-Kaida-Chef Osama bin Laden in seinem pakistanischen Versteck töteten. (APA, 31.05.13)

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