Was würde Victor Adler tun?

30. Mai 2013, 20:08
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Kraftvoll wurde das ausgezeichnete TV-Porträt des Stadtteils besonders dann, wenn Analogien zwischen einst und jetzt zu greifen begannen

Hier, wo rechte Wahlkämpfer gegen die einen Immigranten hetzen und von den anderen gewählt werden, hier, wo ihre sozialdemokratischen Pendants die Vergangenheit beschwören, ohne die konfliktträchtige Gegenwart des Zusammenlebens von Alteingesessenen und Zuzüglern anzusprechen, hier, wo das "Großstadtproletariat dem rechten Rand zufällt" und der frühere FPÖ-Obmann Hilmar Kabas "getortet" wurde, hier ist Wien-Favoriten, zehnter Bezirk der Bundeshauptstadt.

Was gerade Favoriten qualifiziert, vor Wahlen zum symbolträchtigen Ort des Ringens um den "kleinen Mann" zu werden, hat am Mittwoch die ORF-Doku "Kampfplatz Favoriten" untersucht. Das geht nicht, ohne die Geschichte des frühen Wirkens der sozialdemokratischen Politik Revue passieren zu lassen: Victor Adler als Retter der "Ziegelbehm", Sozialbau als Aufwertung der Arbeiterschaft; Und das geht nicht, ohne das gegenwärtige Unbehagen beim Aufeinandertreffen der Kulturen zu beschreiben.

Kraftvoll wurde das ausgezeichnete TV-Porträt des Stadtteils besonders dann, wenn Analogien zwischen einst und jetzt zu greifen begannen. Wenn jene, die am Zuzug leiden, von ihren tschechischen Ahnen erzählen. Wenn Historiker erklären, was das kollektive Gedächtnis in der Nachkriegszeit, wie vieles andere, vergessen hat: dass der Bezirk bereits als kultureller Schmelztiegel entstand, in dem Deutsch nur eine von vielen Sprachen war.

Ein alteingesessener Favoritner sagt, er wolle "nicht den Schwanz einziehen" und wegziehen. Er hat recht. Auf seine Art stemmt er sich gegen die drohende Ghettoisierung. Jetzt müsste er nur noch mit den anderen reden. Und sie mit ihm. Zu sehen auf tvthek.orf.at. (Alois Pumhösel, DER STANDARD, 31.5.2013)

  • Anni Lampert, Marktfrau am Viktor Adler Markt.
    foto: orf/liska

    Anni Lampert, Marktfrau am Viktor Adler Markt.

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