Der falsche Krieg

Kommentar30. Mai 2013, 18:03
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Auch Russland hat kein Interesse an einer syrisch-israelischen Eskalation

Die Gefahr der Destabilisierung einer ganzen Region hat der Krieg in Syrien von Beginn an in sich getragen: Was im Geist des Arabischen Frühlings als Aufstand von Syrern und Syrerinnen gegen die Repression des Assad-Regimes startete, wurde schnell zum Schlachtfeld regionaler und sogar geopolitischer Interessen. Die sunnitischen Golfaraber sahen eine Chance, durch den Sturz Ba­shar al-Assads den schiitischen Iran in der Levante – Stichwort Libanon – zurückzudrängen, und die Russen haben mit Teheran gemeinsam, dass sie nicht auch noch Syrien einer, wie sie meinen, US-türkisch-ölarabischen Hegemonie überlassen wollen.

Was jedoch dieser vielschichtige Krieg nie war und nie werden sollte: ein israelisch-syrischer. Für Israel mag der Sturz Assads seine Attraktivität haben, aber zumindest die unmittelbaren Gefahren, wenn die Machtablöse nicht geordnet verläuft, sind größer. Dass Assad, wenn er militärisch völlig im Eck steht, auf einen eher symbolischen Angriff auf Israel zurückgreifen könnte, um Breschen in die arabische Front gegen ihn zu schlagen, ist möglich, aber nicht sehr wahrscheinlich. Im Moment stellt sich diese Frage jedoch gar nicht, denn die Assad-Truppen sind seit Wochen auf dem Vormarsch.

Und dennoch erreicht nun die Kriegsrhetorik beider Seiten schwindelerregende Höhen: Assad sagt, ein Teil des russischen Raketenabwehrsystems S-300, das seine militärische Kapazität enorm aufwerten würde – allerdings ohne viel für die Aufstandsbekämpfung zu bringen –, sei schon in Syrien eingetroffen. Die Israelis kündigen an, sie werden verhindern, dass das System operativ wird. Syrien droht seinerseits, dass es in Zukunft auf jeden israelischen Angriff Israels militärisch reagieren wird.

So schnell schießen die Preußen nicht, hätte man früher gesagt. Hoffentlich, denn manchmal entwickelt sich eine Dynamik, die nicht mehr zu kontrollieren ist. Aber zweifellos ist die russische Absichtsbezeugung, Assad nach außen abzusichern, im Kontext der geplanten Konferenz "Genf II" , bei der Opposition und das Regime verhandeln sollen, im Juni zu sehen. Die USA haben, indem sie selbst die Forderung nach einem sofortigen Abgang Assads fallenließen, die Russen so weit gebracht, dass sie das Assad-Regime nach Genf zwingen. Moskau stellt nun mit seiner Aufrüstung klar, dass der Deal im Vorfeld von Genf nicht darüber hinausreicht.

Es ist wie eine Ansage zu Beginn eines Kartenspiels  – nicht unähnlich jener von Briten und Franzosen zur Bewaffnung der Opposition oder der US zur Einrichtung einer Flugverbotszone (wobei die militärischen Erfolge Assads zur westlichen Nervosität beitragen). Allerdings berührt die russische S-300-Lieferung die Interessen Israels: Nicht nur Syrien würde von dem System profitieren, sondern auch die Hisbollah.

Da Moskau aber schwerlich Interesse an einer syrisch-israelischen Eskalation hat, die Assad erst recht hinwegfegen könnte, darf man davon ausgehen, dass Sicherheitsventile eingebaut sind: Die Syrer hängen völlig von den Russen ab, das System aufzustellen und zu bedienen; es ist auch nicht gesagt, dass das laut Assad bereits gelieferte Material militärisch relevant ist. Bis zur Einsatzfähigkeit kann es Monate dauern – in die das diplomatische Kartenspiel um die Zukunft Syriens fallen wird. Und die Russen haben Assad so sehr in der Hand, dass selbst für den Iran wenig Raum bleibt. (DER STANDARD; 31.5.2013)

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