Süchtiger: "Du gehst durchs Leben wie ein Zombie"

    Reportage30. Mai 2013, 18:17
    417 Postings

    Kleines Glücksspiel, großer Albtraum: Nächtelang hat Klaus S. in fensterlosen Kammern blinkende Automaten gefüttert - und dabei Freunde, Job und Vermögen verspielt. Nun führt er einen Kampf gegen die Sucht, der nur schwer zu gewinnen ist

    Wien - Das Fieber packte Klaus S. stets am Monatsende, wenn der Lohn am Konto eintraf. Nur ein paar Schritte waren es, die er von der Bank zu gehen hatte, einmal über die Straße, "hinein in mein Bermudadreieck". Am nächsten Morgen, sagt S., "war ich genauso pleite wie am Tag zuvor".

    Versenkt hat er sein Geld in einer dieser fensterlosen Kammern, wie sie in vielen Wiener Straßen die eingesessenen Lokale verdrängt haben. Kirschen, Zitronen und Zwetschken leuchten in Neon über blickdichten Milchglastüren, hinter denen nicht mehr als zwei Menschen und Maschinen Platz finden. Nächte saß S. hier auf dem Hocker, um das blinkende und piepsende Ungetüm vor ihm zu füttern, "bis der letzte Cent geschluckt war".

    Was 42 Prozent der Österreicher tun, nämlich ihr Glück beim Lotto, mit Wetten oder im Kasino zu versuchen, hat bei Klaus S. krankhafte Züge: Der Endvierziger zählt zu den rund 64.000 Menschen, die als spielsüchtig gelten. Verfallen ist er der - wie Experten sagen - "mit Abstand" gefährlichsten Form dieses Lasters. Zwei Drittel der Automatenkunden sind problematische, wenn nicht pathologische Spieler - und haben die Politik aufgeschreckt (siehe nebenstehenden Bericht). Per Parteitagsbeschluss hat die SPÖ ein bundesweites Verbot des "kleinen Glücksspiels" zum Ziel erkoren.

    Besonders anfällig

    Junge Arbeitslose, Schlechtverdiener, Menschen mit Pflichtschulabschluss und häufig Migrationshintergrund sind laut einer Studie des Hamburger Zentrums für Suchtforschung besonders anfällig, in die Zockerei zu kippen.

    In der Folge sei es aber weniger die Hoffnung aufs schnelle Geld, die an die Automaten binde, sagt Peter Berger, Psychiater und Präsident des Vereins Spielsuchthilfe, zu dessen Patienten auch gut situierte Akademiker zählen: "Das Spielen selbst löst eine freudige Erregung aus, als ob man auf ein Geschenk wartet." Von Gewinnen ließen sich Süchtige nicht einbremsen - "Sie spielen so lange, bis sie nichts mehr haben."

    Weltmeister im Gschichtldrucken

    Ablenkung vom zermürbenden Job bei einer Versicherungsfirma sucht Klaus S., als er vor vier Jahren den ersten Fünfer in den Einzugschlitz steckt. Rasch fährt er einen trügerischen Gewinn ein - um sich dann bei der Jagd nach verlorenem Einsatz zu verrennen. "Irgendwann hat sich alles nur mehr darum gedreht, wie ich Geld fürs nächste Spiel aufstellen kann", erzählt S. "Du vergisst alles um dich herum, kannst nicht schlafen, willst nicht essen, gehst wie ein Zombie durchs Leben."

    Satte 100.000 Euro verspielt S., und jede Menge Freunde, die den Schnorrer satthaben: "Spieler sind Weltmeister im Gschichtldrucken." Gekündigt vom Arbeitgeber, bedroht von Delogierung lässt er sich in eine Suchtklinik einweisen, doch die Therapie greift nur kurz. Nach zwei, drei Monaten fängt das Geld wieder in der Hosentasche "zu brennen" an. Wie ferngesteuert zieht es ihn ins Billardlokal am Eck, nur um - wie er sich einredet - einen Kaffee zu trinken: "Es wurde der teuerste meines Lebens."

    Kalter Qualm

    "Schlagen Sie mich, wenn ich wieder anfange", witzelt S., als er die Tür zu der winzigen Koje neben dem Café nahe dem Westbahnhof aufstößt. Trotz Rauchverbotsschilds hängt kalter Qualm in der Luft, an einem der beiden Automaten hantiert ein junger Bursche. "Hat der seinen Ausweis gezeigt?" , fragt S. die gerade abkassierende Kellnerin. "Hat ihn heute vergessen" , kommt die Antwort zurück, "ausnahmsweise."

    Rund 4000 Euro hat S. hier in seiner dunkelsten Nacht verzockt, beim Spiel "Book of Raa", das laut Homepage des Automatenkonzerns Novomatic die "antiken Mysterien" Ägyptens erwecken soll. Von Scatterzeichen, Pennygames und Subebenen erzählt der frühere Dauergast, es klingt wie die Einführung in eine Geheimwissenschaft. Sobald sich die imaginären Walzen des längst nicht mehr einarmigen, weil computergesteuerten Banditen drehten, setze der Kick ein, sagt S., der für jedes Spiel zumindest noch die Starttaste drückte. Fans des Automatikmodus starren regungslos auf die Hieroglyphen und Pharaonenmasken, die sich ständig von neuem am Monitor formieren.

    Weinend vor dem Automaten

    Heimelige Gefühle löse das vertraute Geklingel aus, sagt Psychiater Berger - und den Eindruck, dass an den Nebengeräten dauernd gewonnen werde. Abgeschottet von der unliebsamen Außenwelt bauten manche Spieler regelrecht emotionale Beziehungen zu "ihren" Automaten auf: "Sie glauben zu durchschauen, wann das Gerät eine Glückssträhne zulässt, bilden sich fast menschliche Züge ein."

    Klaus S. hat erlebt, wie zornige Spieler auf scheinbar glücklichere Nachbarn losgingen, andere brachen in Tränen über dem Apparat zusammen. Er selbst kämpft gegen Depressionen, ist bei Bergers Spielsuchthilfe in Therapie. Es tue gut, die Scham zu überwinden und die Sache zu bereden, sagt S. - um die Mechanismen im Kopf freizulegen, die den Automaten so unwiderstehlich machen.

    Spieler erheben Sammelklage

    "Reinigung" sucht S. auch vor Gericht: Er hat sich einer Sammelklage gegen Novomatic angeschlossen. (Ehemalige) Spieler versuchen nachzuweisen, dass der Marktführer mit ausgeklügelten Spielsystemen die Limits für Einsätze und Gewinne umgehe; Novomatic pocht darauf, sich stets an die Gesetze zu halten. Für die Zukunft hat die Politik die Anbieter diesbezüglicher Sorgen entledigt: Das neue, im Jahr 2010 beschlossene Glücksspielgesetz hebt die Höchstgrenzen massiv an.

    In diese Falle will Klaus S. nicht mehr tappen. Nach fünf Rückfällen hat er bereits seit Weihnachten der Versuchung widerstanden, traut dem Frieden aber selbst nicht ganz. Seine Bankomatkarte wird S. deshalb bei der Suchthilfe deponieren, damit er nur kleine Summen unter Aufsicht abheben kann. Nie werde er entspannt mit mehr als 100 Euro im Börsel durch die Stadt spazieren können, sagt er: "Die Sucht ist wie eine ausgeblasene Kerze. Sie kann jederzeit wieder entzündet werden." (Gerald John, DER STANDARD, 31.5.2013)

    • Automatenspieler in Wien: "Du vergisst alles, kannst nicht schlafen, willst nicht essen."
      foto: standard/corn

      Automatenspieler in Wien: "Du vergisst alles, kannst nicht schlafen, willst nicht essen."

    Share if you care.